Nachruf : Thomas Harlan, der Sohn

Er war kein Mann für Gruppengespräche und sprach stets zärtlich über seinen Vater: Zum Tod des Filmemachers und Autors Thomas Harlan.

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Thomas Harlan
Thomas HarlanFoto: dpa

Als er vor zehn Jahren bei „Boulevard Bio“ auftrat, um seinen ersten Roman vorzustellen, war Thomas Harlan der einzige Gast. Harlan war kein Mann für Gruppengespräche. Er holte gern weit aus, und natürlich kam er auf seinen Vater zu sprechen, den „Jud Süß“-Regisseur Veit Harlan. Der Roman „Rosa“, der Grund für die Einladung, geriet zur Nebensache. Harlan erzählte, wie Joseph Goebbels ihn mitten in der Nacht, begleitet von einer Eskorte, zum Kaufhaus Wertheim gefahren habe, „das nur für mich geöffnet hatte“ und wo er sich eine Modelleisenbahn aussuchen durfte. Eine Kindheitsfantasie? Seine Herkunft hat ihn zeitlebens nicht losgelassen.

Thomas Harlan hat mit Unterstützung des Staatsanwalts Fritz Bauer Verfahren gegen mehr als 2000 NS-Verbrecher eingeleitet. Die Öffentlichkeit reduzierte ihn gerne auf die Rolle des Anti-Nazi-Sohns, der gegen den Nazi-Vater aufbegehrt. Diese Rolle hat er abwechselnd kultiviert und bekämpft. Während eines Gesprächs, das Jean-Pierre Stephan für sein Porträtbuch „Das Gesicht deines Feindes“ mit ihm führte, antwortete er auf den Einwand „Wir kommen da vom Thema ab“ mit dem Satz: „Wir haben kein Thema.“ So war Harlan. Nicht zu greifen.

Harlan hat immer voller Zärtlichkeit über seinen Vater gesprochen. Doch das Weitermachen, die Fortsetzung der Karriere, konnte er ihm nicht verzeihen. Ihm und den Westdeutschen. Der Sohn zog nach Frankreich, studierte Philosophie an der Sorbonne, verkehrte mit Michel Tournier und Gilles Deleuze, auch mit Klaus Kinski, reiste mit gefälschten Papieren nach Israel. Aus Recherchen zum Aufstand im Warschauer Ghetto entstand das Drama „Ich selbst und kein Engel“, das 1959 mit Darstellern vom Berliner Ensemble uraufgeführt wurde. Für seinen halb dokumentarischen Film „Wundkanal“, der 1985 auf der Berlinale gezeigt wurde, holte er SS-Obersturmbannführer Alfred Filbert vor die Kamera, der wegen der Ermordung von 6800 Litauern und Weißrussen 13 Jahre hinter Gittern verbracht hatte.

Er schaffte es, diesen Mann zum Weinen zu bringen, nicht mit einem Hinweis auf seine Opfer, sondern mit einer Vorführung von „Immensee“. Veit Harlans Melodram hatte der Massenmörder einst in einem Feldkino gesehen. Für Thomas Harlan waren Filme auch Waffen, mörderische Waffen, jedenfalls die seines Vaters, wie er zuletzt in Felix Moellers Familienporträt „Im Schatten von Jud Süß“ erzählte. Die moralischen Fragen, an die Familie, an die eigene Arbeit, damit schlug er sich herum, es hat ihn gequält, er konnte seinen Frieden nicht machen.

Harlan schrieb zwei weitere Romane, und es gibt auch zwei Romane über ihn: „Christoph und sein Vater“ von Hans Habe sowie „Und die Liebe? frag ich sie“ von Liane Dirks. Letzterer behandelt Harlans Beziehung zur polnischen Holocaust-Überlebenden Krystyna Zywulska. Christoph Hübner widmete dem Filmemacher und Schriftsteller die Dokumentation „Wandersplitter“. In einem Lungensanatorium bei Berchtesgaden ist Thomas Harlan am Sonnabend mit 81 Jahren gestorben.

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