Nachruf Urs Widmer : Sonne und Rauch

Der große Schweizer Schriftsteller Urs Widmer ist tot. In seinen Romanen und Erzählungen vermischten sich Erfundenes und Gefundenes virtuos. Nachruf auf einen heiteren Apokalyptiker.

Gregor Dotzauer
Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer ist tot. Foto: dpa
Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer ist tot.Foto: dpa

Was er später den „Urknall“ seiner schriftstellerischen Laufbahn nannte, ereignete sich 1967 im Frankfurter Westend. Urs Widmer saß, ein paar Speerwürfe von seinem neuen Lektorenschreibtisch bei Suhrkamp in der Lindenstraße entfernt, in der Dachkammer, die er mit seiner Luftmatratze übergangsweise bezogen hatte. Auf einem Hocker über seiner himmelblauen Olivetti zusammengekrümmt, staunte er, dass sie Sätze schreiben wollte, die ihm nie zuvor in den Sinn gekommen waren. „Aus meinem Kamin kommt Rauch, jetzt scheint die Sonne“, stand da plötzlich.

Es war der Anfang seiner ersten Erzählung „Alois“, die im Jahr darauf beim Zürcher Diogenes Verlag erschien. So, wie er die Szene in seiner Autobiografie „Reise an den Rand des Universums“ schildert, nahm ihm die Maschine das Fabulieren und Formulieren in einem einzigen trommelwütigen Rausch auch auf den folgenden 80 Seiten ab. Die Erinnerung an diesen langen Augenblick ist das Energiezentrum, aus dem heraus in den vergangenen 45 Jahren weit über zwei Dutzend Bücher wuchsen.
Urs Widmer, am 21. Mai 1938 in Basel als Sohn des Gymnasiallehrers, Literaturkritikers und Übersetzers Walter Widmer geboren, hatte das ihm gemäße Leben gefunden. Im Rückblick mag er die Szene wenn nicht fiktionalisiert, so doch romantisiert haben. Aber nachdem der kleine Grenzverkehr zwischen Erfundenem und Vorgefundenem bei ihm regelmäßig stattfindet, ist es vielleicht nicht entscheidend, ob er einigen Details nachgeholfen hat. Schließlich firmieren auch „Der Geliebte der Mutter“ (2000) und „Das Buch des Vaters“ (2004), zwei seiner erfolgreichsten Bücher, als Romane.
Beide treiben ein unauflösbares autobiografisches Spiel, wobei der Ich-Erzähler im ersten einerseits familiären Geheimnissen nachforscht, andererseits in einer Figur namens Edwin das kaum verschlüsselte Porträt des frauenverschlingenden Dirigenten Paul Sacher zeichnet. Und führt umgekehrt nicht der Titel der Autobiografie auf romanhaftes Terrain, indem er auf Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ anspielt, die Vision eines Autors, den er bewunderte?

Widmers „Reise an den Rand des Universums“ führt, gerade dreißig Jahre umfassend, nur bis an die Ränder seines ersten Lebens als Lektor. Für eine Fortsetzung mag ihm, der sein Werk für abgeschlossen erklärte, auch die Zeit gefehlt haben. Entscheidend dürfte allerdings sein, dass danach tatsächlich ein neuer Abschnitt für ihn begann. Dem Schriftsteller blieb, nachdem er fiktional sämtliche autobiografischen „Stollen ausgepickelt“ hatte, wohl tatsächlich nur der Weg in die unbearbeitete Kindheit.
Nach dem Studium der Germanistik, Romanistik und Geschichte fand er 1965 seine erste Anstellung beim Walter Verlag im Kanton Solothurn – und schmiss den Bettel nach zwei Jahren hin. Siegfried Unseld erlöste ihn für monatlich 1200 Mark aus der Schweizer Ödnis und konfrontierte ihn dafür mit der ganzen patriarchalen Kontrollwut, zu der er fähig war. Das konnte nicht gut gehen, auch wenn es am Ende zugunsten des Verlegers ausging. 1968 gehörte Widmer zu den Aufständischen, die, angeführt von Cheflektor Walter Boehlich, um Mitbestimmung kämpften. 1969 gründete Widmer zusammen mit anderen Suhrkamp-Flüchtlingen den Verlag der Autoren.
Literarisch nahm sein Leben mit der Erzählung „Liebesnacht“ (1982) eine neue Wendung, weg vom artifiziell Zerklüfteten und Labyrinthischen, hin zum süffig lesbaren, heiteren Charme eines Erzählens mit apokalyptischem Unterton. Widmer verstand sich auf die trügerische Harmlosigkeit seines Schweizer Landsmanns Robert Walser so gut wie auf die fantastischen Wortströme von Jean Paul. Ein Talent, das eine seiner stärksten Ausprägungen in der Erzählung „Der blaue Siphon“ fand. Sie kontrastiert die Vergangenheitsreise des 53-jährigen Ich-Erzählers mit der Zukunftsreise des Dreijährigen. Am Mittwoch ist der große Erzähler, Hörspiel- und Theaterautor nach schwerer Krankheit im Alter von 75 Jahren in Zürich gestorben.

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