Nachruf : Wolfgang Kolneder: Die linke Linie

Er war ein Musik- und ein Sprachgenie. Stücke für die Welt: Zum Tod von Wolfgang Kolneder, Regisseur und Vordenker des Grips-Theaters.

Volker Ludwig
Fahr mal wieder U-Bahn. Szene aus der 1986 uraufgeführten „Linie 1“, bei der Wolfgang Kolneder Regie führte.
Fahr mal wieder U-Bahn. Szene aus der 1986 uraufgeführten „Linie 1“, bei der Wolfgang Kolneder Regie führte.Foto: p-a/dpa

Noch stehen wir alle unter Schock. Am Sonntag starb Wolfgang Kolneder an Herzversagen in Berlin. Er wurde nur 67 Jahre alt.

1974 wurde er der erste Dramaturg des Grips-Theaters. Vorher leitete er das Theater im Zimmer in Tübingen. Er zog uns den anderen Theatern vor, weil Grips im Gegensatz zu sonstigen Kunstproduzenten „gebraucht“ werde. Er wurde schnell unser intellektueller Vordenker. Was wir nur so im Bauch hatten, hat er zündend und dauerhaft formuliert. Und schon nach einem Jahr war er als Regisseur unseres ersten Jugendstücks gefordert: „Das hältste ja im Kopf nicht aus“. Von 1975 bis 1978 war das Stück 210 Mal ausverkauft und 1976 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Es folgten weitere Regiearbeiten, die das Grips nachhaltig prägten: „Die schönste Zeit im Leben“, das Kinderstück „Stärker als Superman“, „Eine linke Geschichte“, „Alles Plastik“ und Leonie Ossowskis „Voll auf der Rolle“.

Er war nicht nur der Regisseur von „Linie 1“, sondern auch ihr Dramaturg, der dieses Projekt vom ersten Tag an begleitete, beflügelte und befeuerte. Er gab mir Schreibregeln auf: „Zuerst alle Songs schreiben! Und nicht an die Umsetzung auf der Bühne denken!“ Zu Probenbeginn war das Stück nicht mal halb fertig. Das Finale bauten wir gemeinsam zwei Wochen vor der Premiere. Der Erfolg, an den viele bei der Uraufführung 1986 nicht geglaubt hatten, war bekanntlich unvorstellbar und dauert bis heute an.

Wolfgang Kolneder.
Wolfgang Kolneder.Foto: dpa

„Eine linke Geschichte“, mein Lieblingsstück, ist noch heute, nach dreißig Jahren, in Wolfgang Kolneders Originalinszenierung im Grips-Theater zu besichtigen. Es ist unsere gemeinsame Geschichte, auch wenn sie, wie im Stück, eine Zeit lang ideologisch auseinanderzulaufen schien (Koautor Detlef Michel und „Kolnix“ liefen Richtung K-Gruppen). Und das Phänomen „Linie 1“ ist durch die Art seiner Entstehung so innig mit der Inszenierung verbunden, dass man die Originalregie nicht nur im Grips-Theater sehen kann: Sie scheint ebenso in den zahllosen Nachinszenierungen in aller Welt durch, in Korea, Indien, Namibia.

Wolfgang Kolneder war ein Musik- und ein Sprachgenie. Sein Vater, großer Musikwissenschaftler, hat ihn nach Mozart benannt und als Wunderkind ans Klavier gezwungen. Ein Internat in Luxemburg trug zur Sprachvielfalt bei.

Kein Grips-Regisseur hat so viele Nachinszenierungen erstellt wie er. Stets kam er irgendwann ohne Dolmetscher aus, auch in Skandinavien oder Südamerika. Sogar japanisch sprach er zuletzt sehr passabel. Nur in Hongkong und Seoul musste er passen. Kolneder war für uns der ideale Außenminister. Nicht nur durch seine Inszenierungen, sondern besonders durch seine Übungen und Seminare, die stets mit der Frage begannen: „Warum macht ihr eigentlich Theater?“

Wir wissen, warum. Nicht zuletzt durch Wolfgang Kolneder.

Er hat übrigens auch politisches Kabarett gemacht, wie ich. Im „Düsseldorfer Kom(m)ödchen“ hat er inszeniert. Und alle „Malediva“-Shows eingerichtet. Am Mozarteum in Salzburg hatte er gelehrt, in Neu-Delhi und Montreal. Er hat Grips nach Madagaskar und Mozambique gebracht. Er hat Dokumentarfilme über und mit Inge Deutschkron gedreht. Er hat gern gelacht. Noch sind wir zu betäubt, um unser Erinnern zu sortieren. Das Grips-Theater hat ihm mehr zu verdanken, als alle wissen. Und ich kann ihm das nicht mehr sagen. Er starb zu plötzlich.

Volker Ludwig ist Leiter und Hauptautor des Grips-Theaters.

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