Nachruf : Zucker aus Arkadien

Zum Tod von Erich Segal: Er wollte immer für ein breites Publikum schreiben. Mit "Love Story" eroberte er 1970 die Welt.

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Erich Segal. -Foto: AFP

Wenn es allein nach seinem Kopf gegangen wäre, hätte er sich mit der akademischen Welt nie eingelassen. Erich Segal, 1937 in Brooklyn geboren, wusste von Kindesbeinen an, dass er für ein breites Publikum schreiben wollte. Wenn sein Vater, ein orthodoxer Rabbi, ihn aber nicht gedrängt hätte, neben Hebräisch auch Latein zu lernen und ein altphilologisches Studium aufzunehmen, hätte er allerdings als Revuekomponist, Essayist, Gagschreiber und Romancier viele Stoffe erst gar nicht in Angriff genommen.

Ob er Anfang der sechziger Jahre zusammen mit einem Kommilitonen das von Richard Rodgers bewunderte Musical „Sing, Muse!“ schrieb, das die Ereignisse des Trojanischen Kriegs parodierte, oder ob er sogar in den Strickmustern von Barbara Cartlands Schmonzetten arkadische Vorbilder entdeckte, er versuchte immer, Gelehrtes und Unterhaltsames zu vereinbaren. Auch in seinem Unterrichtsstil an den Eliteunis Harvard und Yale scherte er sich wenig um professorale Rollen.

Mit „Roman Laughter“, einer popularisierten Fassung seiner Dissertation, schrieb er das erste Buch in englischer Sprache über den Komödiendichter Plautus – und begründete damit seinen wissenschaftlichen Ruf. Mit der gerade mal 130 Seiten langen „Love Story“, die er in den Weihnachtsferien 1969 aus einem Kinoscript für eine Freundin, die Schauspielerin Ali MacGraw, entwickelt hatte, eroberte er 1970 die Welt. Die tragische Geschichte einer studentischen Liebe, die mit dem Leukämietod der Frau endet, war sowohl als Roman wie in Arthur Hillers Verfilmung mit Ryan O’Neal und Ali MacGraw ein Sensationserfolg. Segal, der schon an den Dialogen zu dem Beatles-Film „Yellow Submarine“ mitgefeilt hatte, verwandelte seine Prosa mit Hingabe wieder zurück in ein ausgearbeitetes Drehbuch.

Alle Leidenschaft half ihm aber nicht bei der Kritik. Wütender als die „Love Story“ ist damals kaum ein Buch vernichtet worden. Es handele sich, hieß es durchweg, um ein verlogenes Stück Eskapismus, das nichts von der Unruhe wissen wolle, die von Amerikas Studenten Besitz ergriffen habe. Als der Roman 1971 für den National Book Award nominiert werden sollte, stellte sich die Jury quer. Einer ihrer fünf Köpfe, der angesehene Schriftsteller William Styron, sah darin nicht mehr als ein „banales Buch, das schlicht nicht die Kriterien von Literatur erfüllt“. Segal ließ sich von solchen Urteilen scheinbar nicht verdrießen. Ja, er gestand, dass er „ganz ehrlich nicht auf einem Blatt mit Saul Bellow und John Updike stehen solle“. Insgeheim wurmte ihn die Ablehnung aber doch.

Zerrissen zwischen dem Gefallen am Bestsellerruhm und dem Ehrgeiz, die kurz bevorstehende Festanstellung in Yale zu erringen, bediente er mal mehr die einen, mal mehr die anderen Erwartungen, fühlte sich aber unter den skeptischen Augen seiner Universitätskollegen zunehmend unwohl und nahm nur noch Gastprofessuren an. Erst zwischen 1981 und 1988 ließ er sich in Yale noch einmal bei den Altphilologen anstellen.

Das Leben in den Jahren zuvor war aufregend genug. Segal, selbst ein passionierter Marathonläufer, kommentierte für den amerikanischen Fernsehsender ABC 1972, 1976 und 1980 die Olympischen Spiele in den Langstreckendisziplinen. Er arbeitete für den Broadway und für Hollywood. Vor allem aber schrieb er Roman um Roman – mit „Oliver’s Story“ zunächst eine Fortsetzung der „Love Story“, dann noch sieben weitere wie „Mann, Frau und Kind“ oder „Die Ärzte“. Einer wurde so einhellig vernichtet wie der nächste.

Sein letztes großes Buch aus dem Jahr 2001 ließ noch einmal den Literaturwissenschaftler aufleben. „The Death of Comedy“ erzählt eine Geschichte der komischen Schadenfreude von der Antike bis zu Samuel Beckett – ein Untergangsszenario. Nach einem Vierteljahrhundert, das er im unermüdlichen Kampf mit einer Parkinson-Erkrankung verbrachte, ist Erich Segal am vergangenen Sonntag mit 72 Jahren in seinem Londoner Haus gestorben. Gregor Dotzauer

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