Nachruf : Zum Tode Leszek Kolakowskis

Der Stachel der Unendlichkeit: Zum Tod des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski.

Gregor Dotzauer

Ob er ein gläubiger Mensch war, wollte er nie beantworten. Leszek Kolakowski hielt Intellektuelle, die den Wert religiöser Bindungen für das Zusammenleben betonen, ohne selber welche zu besitzen, nur für ziemlich verzweifelte Gestalten. Andererseits wollte er niemandem vorschreiben, aus welchen Traditionen und Wahrheiten moralisches Verhalten entstehen könne. Als es darum ging, in der polnischen Verfassung, wie sie 1997 verabschiedet wurde, christliche Werte und einen expliziten Gottesbezug zu verankern, lehnte er das Vorhaben ab: Es erschien ihm ideologisch. Dabei sah er als Philosoph sehr wohl, dass eine restlos säkulare, nur an den Gesetzen der Vernunft ausgerichtete Moderne an sich selbst zugrunde gehen müsse.

„Der Imperativ der Verantwortung“, schrieb er in einem Essay, „lastet nur dann wirklich auf uns, wenn wir zumindest wissen, dass überhaupt etwas einen Wert darstellt.“ In seinem Buch „Der metaphysische Horror“ schloss er daraus, dass es vielleicht besser sei, „am Rand eines unbekannten Abgrunds zu torkeln als einfach unsere Augen zu schließen und seine Existenz zu leugnen“.

Kolakowskis Denken bewegte sich zwischen Glauben und Skepsis – und jener Drohung, die Dostojewski in den „Brüdern Karamasow“ ausgesprochen hatte: „Falls es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.“ Entscheidend war für ihn die Spannung von Rationalität und transzendenter Überschreitung. Beide mussten einander fortwährend in Schach halten und korrigieren: Der Gedanke des Unendlichen war der Stachel in der Erfahrung des Endlichen, und so, wie er ihn in einem seiner Hauptwerke, der „Gegenwärtigkeit des Mythos“ formulierte, nahm er ihm jeden unmittelbar katholischen Beiklang. „Die Funktion des mythischen Bewusstseins besteht vor allem darin“, erklärte er, „das Gefühl der Verpflichtung, das Bewusstsein des Verschuldetseins gegenüber dem Sein zu wecken, und dieses Bewusstsein vermag eine gegenseitige Bindung wirklicher Hilfe zwischen den Teilhabern der Schuld zu schaffen.“

Diese Art von Religiosität auf Widerruf lässt sich aber nur verstehen, wenn man sie als Gegenrede zu den Imperativen des Marxismus liest, mit dem Kolakowski, anfangs selbst ein Sozialist mit glühenden Idealen, in den drei Bänden der „Hauptströmungen des Marxismus“ ideengeschichtlich wie politisch abrechnet.

1927 in Radom geboren, hundert Kilometer von Warschau entfernt, stammte er aus einer Familie von linken Freidenkern. Der Vater wurde im Krieg von der Gestapo hingerichtet, Leszek überlebte die deutsche Besatzung auf dem Land – und mit Hilfe einer Hausbibliothek, die er sich so aneignete, dass er das Studium von Philosophie und Theologie als Wunderkind durchlief und mit 26 Jahren an der Warschauer Universität eine feste Stelle bekam. Seine politische Orthodoxie geriet aber schon 1956, im „Polnischen Oktober“, ins Wanken. Auch wenn seine liberalen Überzeugungen bis zu seinem Parteiausschluss 1966 noch lange reifen mussten, so hatte er doch von Anfang an einen eigenen Kopf. Spätestens 1959, als er in seinem Aufsatz „Der Priester und der Narr“ schrieb: „Die Philosophie hat sich niemals vom Erbe der Theologie freigemacht“, war sein Weg vorgezeichnet.

Er führte ihn zwangsläufig ins Exil, nach Kanada und in die USA. In Frankfurt, wo Jürgen Habermas vorgeschlagen hatte, ihn auf den Adorno-Lehrstuhl zu berufen, protestierte die linke Fachschaft gegen den Rechtsabweichler. Daraufhin fand er am Oxforder All Souls College eine Heimat, und sein Ruhm, der sich nicht zuletzt einem ungewöhnlich prägnanten, auch Literarischem aufgeschlossenen Schreibstil verdankt, verbreitete sich endgültig in alle Welt. Außer Czeslaw Milosz, dem eine Generation älteren Dichter, der so antitotalitär dachte wie er, aber am Ende deutlich katholischer, hat Polen im 20. Jahrhundert keinen bedeutenderen Intellektuellen hervorgebracht.

1977, mitten im Deutschen Herbst, erhielt Kolakowski den Friedenspreis des Buchhandels. In seiner „Erziehung zum Hass, Erziehung zur Würde“ überschriebenen Rede entwickelte er unter anderem eine calvinistische und eine jesuitische Theorie der menschlichen Natur. Während die calvinistische von der rettungslosen Verdorbenheit des Menschen ausgeht, entdeckt die jesuitische immer etwas, woran sich anknüpfen lässt. Es war nicht schwer zu verstehen, zu welcher Perspektive er seine Zuhörer bewegen wollte – und warum es sich lohnen würde, sie einzunehmen. Nun ist der große Humanist im Alter von 81 Jahren gestorben.

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