Kultur : Nachschub für die Schrankwand

Aufgeklärt konservativ und gemäßigt modern: der Berliner Jungverleger Andreas Krause Landt

Jörg Plath

Mit einer Durchhalteparole fing alles an. Andreas Krause Landt ließ als Erstes ein Propagandaplakat von 1918 mit einem Ausspruch des Preußenkönigs Friedrich II. drucken: „Es wird das Jahr stark u. scharf hergehn“. Danach setzte er sich an die Bücher und merkte, wie stark und scharf das Jahr hinging: Die Arbeit wollte kein Ende nehmen. Ohren steif halten, riet der alte Preuße an der Wand, an der ihn Krause Landt täglich vor Augen hat, das Vaterland fordere Ehre und Liebe. Der Verleger tat wie geheißen, und seit Sommer hat der Landt Verlag vier Bücher im Programm.

Dass der mit Anfang vierzig nicht mehr ganz junge Jungverleger die Ohren steif zu halten vermag, glaubt man ohne weiteres: Andreas Krause Landt hat ein breites Kreuz und blickt so freundlich wie entschieden drein. Er strahlt Ernst und intellektuellen Anspruch aus, und beides passt zur schwierigen jüngeren deutschen Geschichte, die ihn umtreibt. Der hauptberufliche Journalist, der sein Geld bei der „Berliner Zeitung“ verdient, hat ein Buch über die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte geschrieben. Eine Nachfrage genügt, schon holt Andreas Krause Landt weit aus. Ihn beschäftigt der bundesrepublikanische Konsens über den Nationalsozialismus. „Die deutsche Diskussion ist seit dem Historikerstreit festgefahren, dabei muss man über diese Fragen nachdenken. Die deutsche Wiedergutmachung und die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen sind große kulturelle Leistungen. Ich frage mich bloß, ob man damit in den Zukunftsfragen weiterkommt.“ Die Linke würde angesichts der NS-Verbrechen die eigene Herkunft aufgeben, während die Rechte die Nation durch die Flucht in die Zeit vor 1933 retten möchte. Krause Landt will ein Drittes: die Schuld nicht relativieren und doch die Nation rehabilitieren. „Sie steht noch immer unter einem völlig unzeitgemäßen Chauvinismusverdacht“.

Es wirkt wie eine List der Geschichte, dass der Landt Verlag im Ambiente jener Zeit residiert, an deren Selbstverständlichkeiten er sich reibt. Das Büro befindet sich im Buchgewerbehaus an der Kreuzberger Wilhelmstraße. Außen zeigt die Anlage mit vier Höfen den wilhelminischen Gründerstolz der Buchbinderfirma Lüderitz & Bauer, innen atmet sie den Geist der frühen achtziger Jahre: braune Raumteiler, Holzfurnierschränke, Neonleuchten und in einem Besprechungszimmer gegenüber von Schrankwand und immergrüner Büropflanze das Ölgemälde des Eigentümers. Eine Umgebung voller Retro-Charme und Tradition. Seine Gedanken zur Nation hat Krause Landt zuletzt in einem Artikel für den „Merkur“ entwickelt. Damals gelang ihm – „ganz zufällig!“ – ein seltener Coup: Dem „Merkur“ lag auch der erste Prospekt seiner Unternehmung bei. Die Bücher des Landt Verlages sind große, mit Lesezeichen und geprägtem Deckel aufwendig produzierte Bände, die auf dem Schutzumschlag nicht mit einem Bild, sondern mit zweifarbiger Schrift für sich werben: Das aufgeklärt konservative Profil präsentiert sich in gemäßigter Modernität. In Pergamentpapier eingehüllt warten zwei Anthologien und zwei Wiederentdeckungen auf Leser. „Samt und Stahl“ präsentiert Kaiser Wilhelm II. im Urteil seiner Zeitgenossen mal nicht als polternden Militaristen. „Troja hört nicht auf zu brennen“ versammelt Aufsätze des Berliner Philosophen Peter Furth, der posttotalitäre Ideologiekritik betreibt. „Der vergessene Gott“ heißt eine frühe Kafka-Studie des deutschnationalen, jüdischen Preußenhistorikers Hans Joachim Schoeps. Das populärste Buch dürfte Margret Boveris „Amerikafibel für erwachsene Deutsche“ von 1946 sein. Darin versucht die renommierte Journalistin, vormals „Frankfurter Zeitung“, ihren besiegten Landsleuten die Amerikaner zu erklären.

„Nein“, schüttelt Andreas Krause Landt den Kopf, „am besten verkauft sich die Anthologie zu Wilhelm II“. Von ihr ließ er eintausend Exemplare drucken. Deutlich mehr hofft er von einem Titel des Frühjahrprogramms absetzen zu können. Neben Heinrich Hausers Augenzeugenbericht „Hitler gegen Deutschland“ und Martin Tielkes Essay „Der stille Bürgerkrieg“ über Carl Schmitt und Ernst Jünger erscheint nämlich Sergio Romanos „Brief an einen jüdischen Freund“. Andere Verlage scheuten vor dem Buch des angesehenen italienischen Publizisten zurück. „Vielleicht“, vermutet Krause Landt, „weil Romano in der Einzigartigkeit des Holocaust eine Bedrohung für das Judentum sieht“. Ökonomische Zweifel hegt Landt nicht: Solange größere Verlage weltanschauliche Vorsicht walten ließen und von jedem Titel mindestens 6000 Bücher verkaufen wollten, bleibe einem kleinen genügend Platz.

Nach dem Kraftakt mit vier Büchern zum Auftakt soll das Jahrespensum nicht höher sein, angesiedelt zwischen Sach- und Fachbuch. Krause Landt liebäugelt zwar mit einer populäreren kulturgeschichtlichen Reihe, will aber erst einmal sehen, wie sich sein Unternehmen entwickelt. Die tägliche Arbeit hat so sehr zugenommen, dass er die nächsten Bücher nicht mehr selbst setzen wird. „Der Verlag macht mir viel Spaß, ich bin zu Abstrichen bereit“. Friedrich II. lächelt von der Wand herunter. Es könnte ja sein, dass das nächste Jahr wieder „stark u. scharf“ hergeht – nicht nur aus Arbeitsgründen, auch wegen der öffentlichen Diskussion, die Landts Bücher anregen sollen.

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