Kultur : Nacht: 185 Zentimeter

Am nächsten Montag: Thea Dorn.

Sie waren in Berlin! Die 185 Zentimeter geballter Sex! Und ich war nicht da! Die 185 Zentimeter sind über die Bühne vom Velodrom gesprungen, haben in die Hände geklatscht, sich in den Schritt gefasst. Sie haben gesungen. Und bestimmt hatten sie wieder diese bestechende Tigerunterhose über der Jeanshose an. Wie gerne wäre ich da gewesen. Wie gerne hätte ich mich von hinten auf die Bühne geschlichen. Genau wie der Mann in Stuttgart, der die 185 Zentimeter geballten Sex vor lauter Begeisterung von der Bühne geschubst hat. Wie gerne hätte ich mich von hinten auf die Bühne geschlichen. Mit einer kleinen Tigerunterhose über meiner Jeans hätte ich mir in den Schritt greifen können, mich an die verschwitzten Zentimeter heften können. Nein, ich hätte sie nicht von der Bühne geschubst. Ich hätte ihnen etwas mitgebracht. Meine selbst verfassten Gedichte. Einen ganzen Stapel. Und ich hätte raunen können: "I write Poems, too!"

Aber dann bin ich doch nicht hingegangen. Ich habe nicht mehr hin und her überlegt: Soll ich gehen? Oder soll ich nicht gehen? Ich bin zu Hause geblieben. Mein Privatleben ist mir eben auch wichtig. Ich wollte den Montagabend lieber alleine verbringen. Mich mit meiner Gitarre auf mein Sofa setzen und mir ein paar "Melodien und Gesangslinien undsoweiter" ausdenken. Dafür habe ich so selten Zeit. Und wieder habe ich gemerkt, "wie einfach das doch ist. So einfach, dass ich mich fast schon betrogen fühle." (lacht) Zwischendurch habe ich mir einen Tee gemacht und aus dem Fenster geguckt. Meine Gitarre stand in der Ecke, geformt wie ein Frauenkörper. Wie Geri Halliwells Körper. Und schon bin ich wieder ins Zweifeln geraten, ob ich nicht doch noch gehen sollte. Ich hatte doch eine Eintrittskarte.

Ich habe sie vor mir gesehen, die 185 Zentimeter geballten Sex, wie sie vor einer riesigen, kreischenden Menschenmenge auf- und niederhüpfen. Habe mir vorgestellt, wie Geri Backstage hinter dem Vorhang steht und den Zentimetern ganz fest die Daumen drückt. Ich habe die Zentimeter rufen hören: "Let me entertain you!" Ja, habe ich mich gefragt, was mache ich dann noch hier? So ganz alleine? Bei mir Zuhause! Die Zentimeter und ich haben doch so viel gemeinsam: Seit unserer Kindheit schreiben wir Gedichte. Beide denken wir uns Melodien aus. Beide sind wir alkohol- und drogenabhängig. Also, ich bin es nicht mehr! Aber die Zentimeter, da oben auf der Velodrombühne, was ist mit denen? Die sind verwirrt. Die erzählen überall rum, dass sie Männer lieben. Dass sie ab sofort "Roberta" heißen. Und plötzlich stehen sie doch wieder auf Frauen. Die Zentimeter reisen mit Geri Halliwell durch die Gegend und wollen mit ihr ein Duett singen, um die Schattenseiten des Berühmtseins zu verarbeiten. Sie haben sich entschlossen, ihre Gefühle zu Papier zu bringen. Das geht zu weit! Ich dachte, das machen wir zusammen!

Oder vielleicht doch nicht. "Sicherlich bin ich mittlerweile wesentlich selbstsicherer." Und "Ich mag mich einfach mehr!" Deshalb muss ich keine Lieder mehr über alte Kamellen schreiben. Lieber würde ich die Zentimeter fragen, ob wir nicht mal ein paar von meinen Gedichten vertonen wollen. "I write poems, too!" Die sind richtig gut. "Lange Jahre habe ich mein Talent unterdrückt. So stark unterdrückt, dass, als ich wieder zu schreiben anfing, die Texte, wooosh, explosionsartig aus mir herauskamen!"

Ich muss da jetzt hinfahren. Mit meinen Gedichten. Ich kann doch nicht zulassen, dass sich dieses Ex-Spice Girl an meine Zentimeter ranmacht. Die schaffen es bestimmt nicht, sich rechtzeitig abzugrenzen. Eigentlich wollen die gar nichts von ihr. Das wissen sie bloß noch nicht. Vor lauter Entertainment wissen sie sowieso nicht mehr, wer sie sind. Einmal glauben sie, sie sind James Bond. Das andere Mal tun sie so, als seien sie die schottische Rennfahrerlegende Jackie Stewart. Ich muss ihnen helfen. Ich muss von hinten, an den Bodyguards vorbei auf die Bühne. Ich muss Geri Halliwell vom Vorhang wegziehen und irgendwo einsperren. Ich muss auf die Bühne rennen. "Carmina Burana" wird vom Band gespielt. Das Publikum schreit: "Robbie! Robbie!" Die Arme hochgerissen. Die Hände zu Fäusten geballt. Lichter blitzen. Ich renne weiter, auf die Zentimeter zu. "My name is Robbie Williams!" Der Gitarrist wird versuchen, mich festzuhalten. Ich reiße mich los, gehe neben den 185 Zentimetern geballter Sex in die Knie, habe sein Mikrophon in der Hand und brülle: "I love you!" Und die Menge wird toben. - So habe ich mir das vorgestellt.

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