Kultur : Nacht der hungrigen Herzen

Solo für den Boss: Zum Abschluss seiner Europa-Tour zaubert Bruce Springsteen im Berliner ICC

Rüdiger Schaper

Abreißen wollen sie jetzt auch das ICC, dieses unverschämt hässliche Palast-Pendant der einstigen freien Republik WestBerlin; da fällt zusammen, was in seiner asbestösen Stillosigkeit schon immer zusammengehörte. Und wenn eines Tages die Bagger zum Messegelände rollen, liegt ein letztes Mal Springsteen in der staubigen Luft. Der Mann aus New Jersey hat das bleierne Raumschiff ICC durchgeschüttelt, wann immer er hier auftrat. Das schafft er auch ganz allein und akustisch – am Dienstagabend in Berlin. Abschluss seiner Europa-Tournee mit dem neuen Album „Devils & Dust“ („Diamonds and Rust“ sang vor Urzeiten mal Joan Baez). Der Boss ist, selten in diesen Zeiten, ein großer Transatlantiker.

An das Konzert wird man lange denken. Wie an jenes Anfang der Achtzigerjahre – die Reminiszenz muss sein –, als Bruce Springsteen und die E-Street-Band mit den krachenden Hits vom Doppelalbum „The River“ vier Stunden durchspielten und die Leute auf den Konferenzklapptischchen tanzten. Das ICC bebte, als stünde es kurz vor dem Einsturz. Und auch jetzt vibriert die Atmosphäre, wo eigentlich gar keine ist.

Springsteen, der Stadion-Rocker. Das ist nicht nur ein Klischee. Wenn er draußen abgeht, vor Zehntausenden, wie vor ein paar Jahren in der Wuhlheide, zeigt er sich als Kontrollfreak. Das blieb ungut in Erinnerung: Die E-Street-Band, bestückt mit großartigen Musikern wie Nils Lofgren, Clarence Clemons und Steve van Zandt, war zur Begleitung verdonnert. Kaum Spielraum für die exzellenten Solisten, und die Nummern klangen wie im Studio, nur dröhniger. Man muss wohl in die ewigjunge Rocker-Pose steigen, wenn man eine abgezockte Band im Rücken hat – und vor sich die wogende Masse. Das ist das Naturgesetz der Arena, so wie das Bier in Plastikbechern lauwarm zu sein hat.

Solo gewinnt Bruce Springsteen eine Autorität und Souveränität von ganz anderer Klasse. Solo? Er spielt Banjo, Flügel, E-Piano, Mundharmonika und ein Arsenal akustischer Gitarren. Schließ’ die Augen: Springsteen auf der Zwölfsaitigen, mit Bottleneck. Er generiert höllischen Druck, die Klangfülle eines vollen Orchesters, bis unter den Raumschiffhimmel. Sein „Devils & Dust“-Programm: eine unglaubliche Energieverstrahlung. Nach einer derwischhaften StompingBlues-Attacke dringt er zum Titelsong des Soloalbums vor. Got my finger on the trigger. Ein Soldat auf Posten im Irak, ein von Angst geschüttelter Junge in einem fremden Land, umgeben von Teufeln und Wüstensand, den Finger am Abzug, Igot God on my side. Ein Zitat aus den Sechzigern, als Bob Dylan Lieder ausstieß, die man als Anti-Kriegshymnen verstand, „With God on our side“. Vietnam, Irak. Und eine unheimliche Korrespondenz zu dem Johnny-Cash-Stück „I hung my head“, das unmittelbar vor Springsteens Erscheinen über die Anlage läuft. Cash selig singt von einem Burschen, der sich ein Gewehr von der Wand herunterholt und einen Reiter vom Pferd schießt, nur so, early one morning with time to kill. Der Killer-Instinkt ist kein originäres amerikanisches Gen. Doch die Verfassung in „God’s own country“ schwört auf freien Zugang zu Schießeisen, und als GI kommt man eben weit in der feindlichen Welt herum.

Jetzt wissen wir’s. Springsteen, Mitte fünfzig, wächst in diese Reihe hinein: Dylan, Cash, und man hört während der zweieinhalb beglückenden Stunden im ICC sogar Anklänge an Simon & Garfunkel. Springsteens neue Lieder schöpfen aus dem All-American-Songbook. Er gräbt da, wo der Pop-Exeget Greil Marcus das dunkle, proletarische, wurzelwunde Amerika ausmacht. „Silver Palomino“: herzzerreißende Klage eines Jungen in Texas, der seine Mutter verlor. War nicht auch der Heiland ein nettes, armes Einzelkind, das von einer Familie träumte und einsam verreckte („Jesus was an only son“)? „Matamoros Banks“: das Drama der Mexikaner, die durch die Wüste und den Rio Grande flüchten wollen, ins Gelobte Land, ein lebensgefährlicher Traum.

Springsteens Stimmgewalt lässt fünftausend Seelen erzittern. Er – schließ’ die Augen! – klettert leise in die hohen Töne, wenn er summt und haucht und jodelt mit Kopfstimme. Er tritt vom Mikrofon zurück, jetzt vollkommen solo, unplugged, ohne Verstärkung, versunken, er horcht in sich hinein, Totenstille im Raum, man glaubt sich mit ihm allein in einem Zimmer. Ein einfacher Kunstgriff, ein magischer Moment. Er tritt wieder vor, der Sound schwillt an, aus dem Dunkel des ICC-Raumschiffs kommen die brunnentiefen frenetischen Rufe: Bruuuuuuce! Was wie Buuuuuuh! klingt. Aber er kennt das. Seine Performance, so gelöst und in sich ruhend sie auch wirkt, ist sauber durchinszeniert, geübte Spontaneität bis in die letzte Ansage und Zugabe hinein, für die er sich an die Orgel setzt und mächtig pumpt und pumpt. „Dream Baby Dream“, ein Stück von einer uralten New Yorker Band namens Suicide. Schwer kitschig ist dieser Abgang, fast wie Gehirnwäsche. Süßer, fetter Schmalz.

Verlernt bloß das Träumen nicht! Explizite politische Botschaften verkündet der Boss nicht im Konzert. Nur einmal, da macht er sich lustig über seine superchristlichen Landsleute, die die Abstammungslehre aus den Schulen verbannen wollen. Im US-Wahlkampf stellte er sich auf die Seite von John Kerry und an die Spitze der „Vote for Change“-Konzerte, schrieb einen soignierten Text gegen Bush und Co. in der „New York Times“. Das wissen die Fans. Springsteen gilt ihnen als integer, als ehrliche Haut, Boss der Kumpels. Das ist seine am gründlichsten einstudierte Pose, und man ist geneigt, sie diesem Springsteen abzunehmen, an so einem Abend, da er die Weisheit streift.

Aber was ist das? Er holt Wolfgang Niedecken auf die Bühne, den Boss von BAP. Und jetzt alle: Everybody got a hungry heart! Der halbe Saal hat sich bis an die Bühne geschlichen, Bruce badet in der Menge. Bruuuuuuce! Eine harte, desillusionierte Akustikversion von „Bobby Jean“ (aus „Born in the USA“). Was ist Rock ’n’ Roll? Ein Mann, eine Gitarre, eine Jugendliebe. – Zu viel des Glücks, es reicht. Draußen wartet die laue Sommernacht. Das Amerika der Herzen.

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