Kultur : Nachtarockt

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Kurt Scheel

ist wieder einmal uneinsichtig

In meiner vorletzten Kolumne habe ich mich ein bisschen mit Adorno angelegt, genauer gesagt mit dem Kulturindustrie-Kapitel aus der „Dialektik der Aufklärung". Abgesehen davon, dass ich mich bei alten Freunden damit nicht unbedingt beliebt gemacht habe, bin ich dafür auch öffentlich gerüffelt worden. Jens Jessen, Feuilletonchef der „Zeit“, hielt mir am 26. September vor, dass ich „seltsam anlaßlos einen Hassausbruch auf Adornos Kritik der Unterhaltundsindustrie“ ausgetobt hätte.

Zum Vorwurf der Anlasslosigkeit ist zu sagen, dass ich in der Tat ohne tieferen Grund – hundertster Geburtstag, vierzigster Todestag oder was dem Feuilleton sonst als Anlass zwingend erscheint – das berühmte Kapitel wieder einmal gelesen habe. Als Entschuldigung kann ich immerhin anführen, dass diese „Theorie der modernen Massenkultur“ laut Klappentext, aber auch in Wirklichkeit „der wichtigste Text der Kritischen Theorie“ ist. Darüber hinaus befleißige ich mich in dieser Kolumne, in lockerer Folge dem geneigten Leser nahezubringen, was er und ich, die einfachen Fernsehgucker, von bedeutenden Medientheoretikern lernen könnten. Denn wollen wir schlaffen TV-Konsumenten nicht alle unsere selbstverschuldete Unmündigkeit überwinden und zu kritischen, nachhaltigen und im besten Sinne aufgeklärten Medienrezipienten werden?

Aber zur Sache beziehungsweise „ad rem“ (Walter Benjamin). Denn Anlasslosigkeit ist nur der geringste der Vorwürfe Jessens. Außerdem hält er mir Kapitalismuskritikkritik vor, und ich würde sogar nicht davor zurückschrecken, die Adornosche „Beargwöhnung der Massenkultur“ abzulehnen, obwohl doch der Marxist sie als Instrument der Manipulation sieht.

Das aber ist augenscheinlich keine gewünschte Sichtweise mehr. Nach Meinung Scheels und seiner Mitstreiter müssen die Massen als mündig gesehen werden.

Starker Toback! Die Massen – mündig?! Ein erschreckender, ein absurder Gedanke.

Seit Jahrhunderten sind die Massen dadurch definiert, dass sie die Anderen sind, die, sagen wir es deutlich: Doofen. Sie werden manipuliert, und, dies rief ja Adornos Wut hervor, sie lassen es kampflos mit sich machen. Aber keine Sorge! Denn neben den Massen hat der liebe Gott ja auch die Intellektuellen und Schriftgelehrten geschaffen, die den Blödis sagen, wo’s langgeht. Wenn die Massen mündig wären, dann hätten die Jessens, die sich naturgemäß nicht für den Fernsehdreck interessieren, sondern lieber über den Rang Goethes und Fischer von Erlachs befinden,gar keinen Grund, ex cathedra dem Pöbel den Marsch zu blasen. Dann wäre das einfach Dünkeltum und Ressentiment, unterfüttert von der Angst, dass ihre Bannflüche und Rangordnungsfestlegungen nicht mehr zur Kenntnis genommen werden. Insofern verstehe ich die Jessensche Aufregung.

Aber andererseits. Woher weiß Herr Jessen so genau, dass die Massen manipuliert werden, er aber nicht? Wer entscheidet darüber, wer manipuliert ist und wer nicht? Irgendwie kommen wir so nicht weiter. Ich mache jetzt einen ganz verrückten Vorschlag. Gehen wir einfach mal davon aus, dass „die Massen“ in Deutschland nach fünfzig Jahren Demokratie, Meinungsfreiheit und „Zeit“-Feuilleton nicht mehr die Mündel von Intellektuellen sind und vor sich selbst geschützt werden müssen. Das klingt irre, aber tun wir spaßeshalber so, als ob die Leute („die Menschen draußen im Lande“) ganz gut wüssten, was sie wollen und tun. Ein abstoßender Gedanke und für Intellektuelle geradezu geschäftsschädigend. Doch würde er sie immerhin davor bewahren, in der selbstgerechten und langfristig verdummenden Pose des Durchblickers und Schlaumeiers zu verharren.

Es wäre übrigens auch höflicher, wenn wir Klugen die Massen nicht immer gleich fühlen ließen, was wir von ihnen halten. Ich würde es daher begrüßen, wenn Herr Jessen und die anderen Vertreter der Elite ihre geistige Überlegenheit nicht wie eine Monstranz vor sich hertrügen. Letztlich sind doch auch die „Bild“-Leser und „Musikantenstadl“-Gucker Menschen.

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