"Nachtasyl" an der Berliner Schaubühne : Unter der Dreckkrustenschicht

Plakative Verrohung: Michael Thalheimer inszeniert Gorkis „Nachtasyl“ an der Berliner Schaubühne. In einem Bühnenbild, das die Muskelkraft der Darsteller herausfordert.

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Bloß nicht loslassen. Jule Böwe kämpft als böse Herbergsmutter Vasilisa.
Bloß nicht loslassen. Jule Böwe kämpft als böse Herbergsmutter Vasilisa.Foto: Joachim Fieguth

„Ich sterbe“, ruft die dafür noch viel zu junge Anna mehrfach prononciert ins Schaubühnen-Rund und hustet anschließend minutenlang Kunstblut. Effektvoll laufen zähflüssige rote Rinnsale aus ihrem Mund über die Jacke, deren Ursprungsfarbe unter gefühlten siebenundzwanzig Dreckschichtablagerungen längst nicht mehr zu identifizieren ist. Annas Mann Klesc, ein Mittvierziger mit russischer Fellmütze auf dem Kopf, steht betreten daneben. Er war es, der die Gattin – motivationsfrei – todkrank geprügelt hatte. Und wie alle anderen wird er später gefühlte Ewigkeiten lang plakativ über die tote Anna hinwegsteigen.

Anna (Alina Stiegler) und der brachiale Schlosser Klesc (Peter Moltzen) gehören zu den Bewohnern des „Nachtasyls“, jener schäbigen Absteige, die zum größten Bühnenerfolg des russischen Dramatikers Maxim Gorki avancieren sollte. Mit den Szenen von „ganz unten“, sprich: aus dem Kellerloch, in dem die Prekärsten der Prekären verroht, verrottet und ohne Aussicht auf bessere Tage vor sich hinvegetieren, versucht das Theater auch 113 Jahre nach Konstantin Stanislawskis Moskauer Uraufführung gern über den gesellschaftlichen Status quo zu erzählen: Je augenfälliger die Krisensymptome, desto höher die Spielplan-Konjunktur.

An der Schaubühne ist es jetzt der Soziologe Wolfgang Streeck, der programmheftbegleitend klug über den Kapitalismus nachdenkt, während Regisseur Michael Thalheimer den Gorki’schen Vierakter als gestrafften 90-Minüter aufs Szenario stellt. „Ganz unten“ meint bei Thalheimer und seinem Stammbühnenbildner Olaf Altmann buchstäblich ganz unten: Das Szenario ist – ähnlich wie bei Thalheimers Gerhart-Hauptmann-Inszenierung „Die Ratten“ vor acht Jahren am Deutschen Theater – zu einem Schlitz verengt, in dem sich der aufrechte Gang sozusagen als objektive Unmöglichkeit erweist. Mussten sich die Schauspieler damals ganz realphysisch der Enge beugen, hätten sie diesmal zwar theoretisch genügend Raum, stecken allerdings im Längsschnitt eines naturgemäß gekrümmten Rohres fest; offenbar in der Kanalisation oder einer unterirdischen Müllschluckanlage.

Ausrutschen in brauner Brühe

Die wahrscheinlichste Fortbewegungsvariante ist demnach das (Aus-)Rutschen, was zusätzlich durch die regelmäßig nachfließende braune Brühe begünstigt wird. Wer immer an diesem Abend auftritt, rutscht von oben in den Rohrschacht-Abgrund hinein. Will er wieder raus, braucht er mindestens fünf Anläufe, solide Muskelkraft und einen guten Rest Unverzagtheit. So weit, so deutlich.

Am allerdeutlichsten – und übrigens auch am unterhaltsamsten – trägt Jule Böwe als kleinbürgerliche Herbergsmutter Vasilisa ihre ultraverrohte Bösartigkeit zur Schau. Genauso bestrebt, den Nachtasyl-Insassen die letzte Kopeke abzupressen wie ihren eigenen, leicht kopfentschleunigten Gatten Kostylev (Andreas Schröders) loszuwerden, stöckelt sie im extra-ordinären Netzstrumpfhosen-Look durchs Kanalrohr und macht ihren Ex-Geliebten Pepel (Christoph Gawenda) zur Schnecke, als befänden wir uns in einer Beziehungsfarce. Pepel schläft nämlich mittlerweile mit Vasilisas kleiner Schwester, der altruistischen Natasa (Lise Risom Olsen), wofür sich Vasilisa rächt, indem sie die Jüngere mit kochendem Wasser verbrüht. Das wiederum beschert Natasa die symbolselige Gelegenheit, sich ein paar Sekunden lang mit kunstblutüberströmten Beinen in Jesus-Pose zu präsentieren. Im Übrigen bleibt die immergrüne Stückfrage nach der Verrohungskausalität zwischen Individuum und Gesellschaft gegen diese grelle Beziehungsstory ziemlich blass.

Dabei ist es mitnichten so, dass sich Thalheimer der Sozialfolkloregefahr nicht bewusst wäre, die von Gorkis einst dramatisch bahnbrechenden Mützenmachern, Prostituierten, Schlossern, Landstreichern, Dieben und anderen Nachtasylanten heute ausgeht. Dass sich in den letzten hundert Jahren nicht nur die Gesellschaft, sondern auch das Theater verändert hat, darf schließlich als veritable Binse gelten.

Die ersten Sätze sind ein einziger Ohrfeigen-Austausch

Zu Beginn schien es tatsächlich, als hätte Thalheimer dem Schaubühnen-Ensemble die nötige Härte verordnet: Die ersten Sätze, die zwischen den Abgerutschten fallen, klingen wie ein einziger kollektiver Ohrfeigen-Austausch. Und den philanthropischen Landstreicher Luka, der die Co-Gestrandeten aus Nächstenliebe mit blühenden Landschaftsvisionen über das faktische Elend hinwegzutrösten sucht, legt Tilman Strauß von vornherein als unmissverständlichen Zyniker an. Nur leider ist es mit der Strenge schnell vorbei. Je später der Abend, desto blühender vor allem das schauspielerische Virtuosentum. Ob es der Fellmützenträger Klesc oder der Baron im Seidenschlafanzug (Ingo Hülsmann) ist, der bessere Tage gesehen, sich dann allerdings bei Geldunterschlagungen erwischen lassen hat: Man verliert sich zusehends in der Unschärfe zwischen plakativ hergezeigter Verrohung und diffus gesellschaftsanklägerischem Pathos, während wiederum Ulrich Hoppe seine Polizisten-Nummer haarscharf an der Comedy entlangschaukelt.

Bert Wredes Dauermusikuntermalung schlägt zu alledem einen das bürgerliche Publikum sehr bewusst nerven wollenden Elendstakt. Und dass die malerisch zerlumpten Unterröcke, zerschlissenen Strumpfhosen und verdreckten Wattejacken, in die Kostümbildnerin Nehle Balkhausen das Bühnenpersonal gesteckt hat, bisweilen eher an „Zille sein Milljöh“ erinnern als an irgendeine Gegenwart und/oder analytische Zeitlosigkeit, ist auch nicht direkt hilfreich. Am Ende klebt halt eine Dreckkrustenschicht mehr dran.

Schaubühne, weitere Aufführungen vom 8. bis 10. Juni und vom 15. bis 17. Juni

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