Kultur : Nachtflug: Der letzte Krieg

Thomas Lackmann

Kurz vor seiner ersten Kulturstation landet der Pilot am Nauener Platz, auf dessen Gehsteigen türkisch sprechende und farbige Passanten einander ablösen. Im Falafel-Imbiß Nr. 2 , wo "Neu! Neu! Chicken Kebab auf Pfanne" propagiert wird, erhält der fremde Deutsche seinen Tee zum Aufwärmen. Ein paar Schritte gen Norden, an der Heinz-Galinski-Straße, beginnt das Gelände des Jüdischen Krankenhauses, in dessen Foyer sich auf Klappstühlen Publikum sammelt, dichtgedrängt. Die niedrige Raumdecke zieren, im Stil der 70er Jahre, orange Metallröhrenraster. Zimmerpflanzen, ein Kaffeeautomat, eine offene Telefonzelle. In der ersten Stuhlreihe: ein langbärtiger Rabbiner, daneben Rollstuhlpatienten. Als das Rachmaninow-Quartett aus dem Schwarzmeer-Kurort Sotschi sein Potpurri-Programm mit Bachs Präludium d-moll streng und etwas müde beginnt, reicht eine Dame von hinten der Patientin im Rollstuhl eine Pille, die jene unauffällig schluckt. Die Musiker spielen vor Infotafeln zur fast 250-jährigen Historie dieser Krankenhaus-Institution, die 1914 von Berlin-Mitte in den Wedding gezogen war und während der NS-Zeit, zuletzt mißbraucht als Selektionsstelle für Deportationen, fortbestand. "Erinnerung ist Gegenwart" steht an der Wand. Routiniert bearbeiten die Gäste - Romance / Scherzo - ihren schmelzenden Rachmaninow. Dann passiert es. Bei Kreislers Walzern werden sie lebendig, die ernsten Zuhörer weich. Die Hospitalkulisse verblaßt. Manche Schulter wiegt sich nun. "Liebesfreud" stampft einher mit dem Ungestüm hormoneller Unbekümmertheit. "Liebesleid" feiert wehmütig das Glück unglücklicher Hingabe, unhörbar synchronisiert durch jenen Text, mit dem die "Comedian Harmonists" dieses Rührstück einst berühmt machten: "Die Liebe kommt, die Liebe geht, solang ein Stern am Himmel steht ..." Tschaikowskys hochfliegendes Andanto cantabile übernimmt die Emotionsstafette. Vor den Scheiben: Palaver russischer Zaungäste. Schostakowitschs Präludium B-Dur durchrast das Gewimmel der Großstadt und ihrer Fanfaren, bis die Pulsschläge der Verkehrsjagd abbrechen: exitus. Der nostalgische Tango schließlich beschreibt eine Himmelhöllenachterbahn; düster hingebungsvoll, dann durchbrechend zur süß swingenden Zuversicht in Dur. Als der Pilot, seiner Startbahn zustrebend, das unwirkliche Gefühlslabor der Musen verläßt, erblickt er in allen Fenstern hoch unter der Decke TV-Monitore, als seien das die Bewohner der Patientenzimmer: kühle Bildaltäre einer höllischhimmlischen Wirklichkeit.

Landung auf der Neuköllner Wissmannstraße. Im Theatersaal der Werkstatt der Kulturen knispern die Tachos, Tequila wird ausgeschenkt. Am Bühnenrand begleitet das Orchester Carlos Pimienta die burleske Himmelhöllenrevue "La gloria y el infierno". 14 Schauspieler aus sechs lateinamerikanischen Ländern und Deutschland beleben eine mexikanische Showtradition, die sich - nach einem Zelttheater der 1930er Jahre - "La carpa" nennt. Das Bühnenbild zeigt Wölkchen samt Sonnenstrahlen, ein andermal gezackte Flammen in Gelb und Orange; das sind auch die Kostümfarben der hochgeschürzten Tänzerinnen. Der singende Tod, in Knochentrikot und lila Umhang, erklärt das Verhängnis der "passiones humanes". Der Teufel mit Hörnchen und Schwanz, ein strammes Mannsbild in oranger Weste, agiert eher wie ein dumpfbackiger Zuhälter. Beide helfen der dicken Mama, die fesche Rosita für ihren Ball zurechtzumachen. Als das Rüschenfräulein seinem Verehrer nicht zu Willen ist, sodaß der Macho die Pistole ziehen muß, geht dieser Gewaltakt dem Sensenmann zu schnell: In Zeitlupe wird die Bluttat auf seinen Wunsch noch einmal wiederholt. Rosita kriegt Engelsflügel, hübsche Mädchen kommen überall hin. Der um ihre Seele geprellte Teufel rächt sich an den Potenzwerkzeugen des Mörders. Der Tod, ein melancholischer Asket, schmettert inbrünstig die Schlußmoral. Himmel und Hölle: ein Nullsummenspiel im Dschungel der Leidenschaft. Heimflug ins Asyl der Menschenrechte - nach Deutschland.

Im gläsernen Sony-Filmhaus am Potsdamer Platz passiert der Pilot ein mit Starfotos tapeziertes Nirgendwo-Bistro namens "Billy Wilder", um dann, getragen von einem gläsernen Lift, himmelwärts zu schweben. Im neunten Stock gewährt ihm ein freundlicher Wächter unter dem Glasdach dieses spektakulären Weltraumbahnhofs Zutritt auf die Terrasse. In der Tiefe laufen Menschlein über blaue, wie Ufo-Markierungen in den Hof eingelassene Leuchtbalken durchs Atrium. Aus dem ovalen Brunnen plätschern kolorierte Fontänen. In der hinteren Hofecke steht ein Plastikkasten, hinter dessen Scheiben, quasi in Aspik, der alte Kaisersaal aus jenem Hotel Esplanade golden erglänzt, welches sich im letzten Jahrtausend irgendwo auf diesem Nirgendwo-Platz befand. Im Glaslift schwebt der Pilot kellerwärts, wo aus den blauen Wänden des Kinofoyers stilisierte Kanonenrohre ragen. Das Arsenal zeigt im Rahmen seiner 365-teiligen "Magical History Tour" Jean Renoirs berühmtestes Werk aus dem Jahre 1937. Da singen die deutschen Weltkriegs-Landser von Vöglein, welche das Wiedersehen in der Heimat prophezeien. Da entpuppen sicvh deutsche Gefangenenlager als nicht ganz ungetrübte Werkstatt der Kulturen: Unordentliche Uniformen sind dort verboten; die Russen rasten aus, weil ihre Zarin keinen Wodka schickt; die Engländer haben Tennisschläger dabei, die Franzosen kriegen feine Care-Pakete. Da endet die Freundschaft zwischen dem invaliden deutschen und dem gefangenen französischen Aristokraten, welche beide den Untergang ihrer Klasse nahen sehen, indem der eine den anderen korrekt erschießt und ihm seine Geranie schenkt. Zwei anderen Offizieren, dem jüdischen Millionär und dem proletarischen Rebellen, gelingt die Flucht. Kurz vor der Schweizer Grenze fraternsieren sie mit einer Bäuerin, die ihren Mann und ihre Brüder an der Front "bei unseren größten Siegen" verloren hat. "Grenzen kann man nicht sehen. Sie sind eine Erfindung des Menschen," sagen die Flüchtlinge. "Hoffen wir, daß es der letzte Krieg gewesen ist." Als "Die große Illusion" 1938 während des deutschen Einmarsches in einem Wiener Kino lief, mußte diese Projektion des utopischen Realismus abgebrochen werden. Das letzte Bild zeigt die Franzosen, den Kugeln einer deutschen Patrouille gerade entkommen, hinter der rettenden Grenze im tiefen Schnee. Als der Pilot das Kino verläßt, ist die Stadt fast menschenleer und der Spätherbst, noch einmal, überraschend warm geworden.

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