Kultur : Nachtgedanken

STEFANIE DÖRRE

Veit Hahn gibt Chansons und Gedichte von Jacques PrévertVON STEFANIE DÖRREZwei Männer in existentialistischem Schwarz.Den Frühling in Paris werden sie nicht auf die Bühne des Saalbaus Neukölln zaubern, "Prévert at Night" heißt ihr Programm.Der eine Mann hämmert auf dem Flügel, der andere stößt Schreie aus: "Zwei große Lieben, sieben Todsünden, dreißig Jahre Gefängnis, davon fünfzehn in Einzelhaft." Ari Benjamin Meyers am Piano hämmert weiter, Veit Hahn verwandelt sich in den Mann ohne Gedächtnis und entsinnt sich einer ihm unbekannten Witwe, die ihren Gatten zerstückelt.Die Rollen wechseln, der melancholisch-satirische Grundton bleibt.Von einer Zeile zur nächsten stürzen die Texte Jacques Préverts aus der Beobachtung in die beißende Anklage, aus Komik in die Tragödie.Von der Mutter, die Strickarbeit macht, handelt ein Gedicht, vom Vater, der Geschäfte macht, vom Sohn, der Krieg macht, bis er fällt."Sie fanden das ganz in Ordnung." Ein Lied kündet vom Nichts: "Leibhaftig steht es vor ihm." Luzide und hermetisch zugleich sind diese Verse.Veit Hahn nimmt Jacques Prévert - den 1977 verstorbenen Lyriker, Chansonnier, Autor des Drehbuchs zu "Kinder des Olymp" - persönlich."Paroles", Préverts erstes Buch, hat Hahn durch seine Jahre in Brasilien begleitet.Eine derartige Beziehung taugt nicht zur Show, eher zum Statement.Krieg, Leid, Tod sind die Leitmotive der Textauswahl.Wie eine Mischung aus Roadie und Westernheld steht Hahn mit durchgedrückten Beinen auf der Bühne, die Gürtelschnalle vorgestreckt.Er rackert und rennt, gießt sich ein Glas des unvermeidlichen Rotweins ein.Ein guter Sänger ist der Schauspieler nicht, aber dafür gibt er jeder Passage ihre eigene Diktion, jedem Stück seine eigene Grausamkeit.Hahn steppt, langsam und repetitiv, spricht dazu: "Die Erde dreht sich mit ihren großen Blutlachen.Gefolterte Kinder.Niedergeknüppelte." Und manchmal scheint es, als blicke er suchend in weite Ferne.Das Programm soll wiederaufgeführt werden, wo und wann steht noch nicht fest.Die intime Hommage ist nicht festgezurrt, sondern in Bewegung.

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