Kultur : Nachtgesänge

Der Schriftsteller Norman Manea wird 70

Katrin Hillgruber

Es ist Nacht in Bukarest, unaufhörlich. Wenn der Tag dämmert, droht er „verrückt“ zu werden. Brot und Milch sind nur im Morgengrauen zu ergattern. Norman Maneas Roman „Der schwarze Briefumschlag“, an dessen verrätseltem Stil die Zensoren scheiterten, da sie ihn 1986 erschienen ließen, handelt von der schlimmsten Phase der Ceausescu-Diktatur Anfang der achtziger Jahre. Zugleich thematisiert er das schwere Erdbeben von 1977, das die rumänische Hauptstadt vieler Kulturgüter beraubte. Auf den planierten Trümmern ließ der „Conducator“ ein größenwahnsinniges weißes Herrschaftsgebäude errichten – für Manea die „Residenz eines taubstummen Musterzirkus, wo der Musterpräsident des Mustervereins thronen wird“.

Während eines Gastaufenthaltes in der American Academy am Wannsee im vergangenen Herbst las Manea aus seinem im Entstehen begriffenen Essayband „The Fifth Impossibility“– und erzählte, dass er seinerzeit die Worte „Kaffee“ und „Chemiker“ nicht verwenden durfte: „Kaffee“, um bei den Lesern keine irrealen Wünsche zu wecken, „Chemiker“, weil die Volksschulabsolventin Elena Ceausescu sich zur Chemie-Koryphäe erklärt hatte. Auch in seinem kreis- und ellipsenförmigen Selbstporträt „Die Rückkehr des Hooligan“ (2004) antwortet er auf die grausamste Diktatur in Osteuropa mit sarkastischen Sprachkaskaden.

Heinrich Böll machte Anfang der achtziger Jahre auf den Rumänen und dessen Erzählung „Der Pullover“ aufmerksam. Sechs Bücher in deutscher Übersetzung wie „Roboterbiographie“ oder „Der Trenchcoat“ folgten, und doch gilt Manea hierzulande immer noch als Geheimtipp. Geboren 1936 in Suceava in der Bukowina, wurde Manea 1941 mit seiner jüdischen Familie und 200 000 Leidensgenossen in ein Arbeitslager in der Ukraine deportiert. Die Hälfte der Verschleppten kam ums Leben, darunter Maneas Großeltern. „Gepanzert im Entsetzen“ erlebte der Fünfjährige diese erste Eisenbahnfahrt. 1945 wurde er repatriiert. Im Sozialismus beteiligte sich der junge Pionier am „Projekt des universellen Glücks“. Während seiner Ausbildung zum Wasseringenieur wandte er sich von den Lügen des Kollektivismus ab. 1981 beklagte Manea in einem Interview den schwelenden Nationalismus und Antisemitismus – und wurde prompt zum Staatsfeind. Am 16. Juni 1986 fand sein persönlicher „Bloomsday“ statt: die Ausreise aus dem „sozialistischen Dublin“ Bukarest. Nach einer Station in West-Berlin kamen Manea und seine Frau Cella 1988 nach New York, wo er am Bard College Europäische Kulturgeschichte lehrt. Heute wird der meisterhafte Metaphoriker siebzig Jahre alt.

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