Kultur : "Nachtmahr" im Hebbel-Theater

Christina Tilmann

Willkommen im Gruselkabinett. Windharfen wimmern, singende Sägen kreischen, dumpf dröhnt ein Gong und hinten klappern Stäbe, Stöcke, vielleicht Knochen. Dunkel bleibt es derweil auf der Bühne, nur undeutlich, schemenhaft sind da Musiker, Instrumente, Technikaufbauten zu erkennen. Am Boden kauert ein Geschöpf, richtet sich langsam auf, greift zum Mikrophon, singt. Ein Kinderlied von kranken Träumen und der Sehnsucht nach dem Fliegen: "Vive la Trance".

"Ein richtig schön dunkles Konzert" wünscht Meret Becker sich und dem Publikum, wenn sie mit ihrem Soloprogramm "Nachtmahr" im Hebbel-Theater auf die Bühne tritt. Dunkel: das ist die Beleuchtung, Schummerlicht zumeist, fahles Grün und Dunkelblau. Dunkel: das ist auch das Thema: Tod, Wahnsinn, Tod. Schwarze Romantik, mit Wasserleichen, Hexenkindern, Grabsteinen. Lewis Carrol, Gottfried Keller und Thomas Brasch werden zitiert, das ganze Arsenal der Nekrophilie. Da gibt es, vom Band unterstützt durch Otto Sander, Kellers "Ballade vom kleinen Meretlein", dem wahnsinnigen Hexenkind, das eigentlich ein Königskind ist und aus dem Grabe wieder auftaucht, und Kästners "Traum vom Gesichtertausch" mit der alten Frage "Wer bin ich". Schwung und Herz aber bringen erst die beiden Zugaben: Das jiddische "Bobinke", gewidmet "allen Großmüttern, die noch Knödel kochen können", und das Liebeslied "Im Bauch", gesungen im Duett mit dem Ehemann Alexander Hacke.

Zwischendurch werden dann Dias an die Rückwand geworfen, auch mal Bilder der Bandmitglieder, begleitet von begnadeten Reimen nach dem Motto "Alle Kinder bauen gern Scheiß. Nur Alexander Hacke, der haut auf die Kacke". Wie in einer unaufgeräumten WG-Küche greifen die Musiker zu allem, was grad so herumliegt: Sie trommeln auf dem Tisch, zwitschern mit Vogelstimmen, suchen sich Rasseln, Klappern und Glockenspiel. Das undankbarste Instrument spielt Alexander Hacke: Immer wieder darf er Münzen in eine Schale werfen. Das klimpert, klappert und springt. Am Ende sitzt das ganze Ensemble auf dem Boden und trommelt sich ein Musikstück zusammen: Friede, Freude, Firlefanz.

Meret Becker ist keine Solistin. Eigentlich auch keine Sängerin, mit ihrer hellen, durchdringenden Kinderstimme. Und ein Star ist sie schon gar nicht, die Nachwuchs-Diva hat sie diesmal außen vor gelassen: Bescheiden tritt sie hinter dem fünfköpfigen Ensemble zurück, lässt ihre Stimme überdecken durch Instrumente und Elektro-Töne. Eine Schauspielerin aber ist sie in jeder Geste: Knie vor, Po raus, geht sie in die Hocke, wiegt sich auf den Hacken, deutet einen Tanzschritt an, weist mit dem Arm vage ins Unendliche. Die Augen strahlen, der schmale Körper krümmt sich zusammen, macht sich klein. Hier steht das "kleines Meretlein", hier steht Sterntaler und streut mit vollen Händen Sterne ins Publikum. Hier ist der Clown und die Vorstadt-Lolita. Die "Ballade vom Gesichtertausch" war nicht nur ihre Inspiration, sondern offenbar ihr Konzept. Wer ist Meret Becker? Eine, die so tut, als wolle sie nicht erwachsen werden. Es lebe die Pubertät.Bis 2.10., täglich 20 Uhr

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