Kultur : Nachts gehen die Ohren auf

PETER SÜHRING

Nicht als chronologisch aufsteigende Linie, sondern als Kontrastprogramm alt gegen neu war das Konzert der Kammerphilharmonie Berlin, in der sich Studierende und Absolventen beider Musikhochschulen zusammengefunden haben, im Max-Beckmann-Saal konzipiert.Zwei Airs und die Conclusion aus der zweiten Tafelmusik von Telemann eröffneten den Abend luftig und verheißungsvoll.Nicht nur der barocke Bewegungsdrang - nämlich daß quasi kein Ton mit einem andern auf gleicher dynamischer Stufe stehen will - sondern auch Telemanns Beredsamkeit kamen durch die Concertino-Gruppe aus Trompete, Oboe und zwei Violinen im Wechsel mit den Tutti-Streichern ausgezeichnet zur Geltung.

In denkbar größtem Gegensatz dazu stand eine Komposition der Neuesten Musik, die um ihre Sprachlosigkeit weiß und sie als Musik zu thematisieren sucht."Notturno.Metamorphosen für 16 Solostreicher" des 18jährigen Berliners Robert Krampe, in dieser Stadt erstmals zu hören, läßt vereinzelte Töne und Klänge behaupten, ein in einen flirrenden Diskant eingefaßter wandernder Klangteppich wäre bereits Musik.Die Aufführung hatte auch visuell etwas Hochdramatisches, weil alle Musiker auf den Dirigenten Leo Siberski starrten wie auf eine Schlange: Er zeigte nicht nur in diesem Stück wirklich alles, was Musik an Takt, Rhythmus und Ausdruck zu bieten hat.

In der Nacht sind Ohren empfindlicher, aber nur wenn es wirklich dunkel ist.Im zweiten Nachtstück von Aaron Copland hatten die Töne wieder Straßenschuhe an und gingen in elegischer Zwiesprache einer Trompete und eines Englisch Horns in Manhattan spazieren.Enttäuschend Dvoraks Streicherserenade in E-Dur: Hier fehlte mindestens der letzte Schliff, der Intonation die Reinheit, dem Forte der Klang.Das Geheimnis, das im Larghetto liegt, konnte so weder angedeutet, noch ausgesprochen, geschweige denn gelüftet werden.

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