Kultur : "nachtstudio": Poeten auf allen Kanälen

Jörg Plath

Im Innenhof des Hauptstadtstudios Unter den Linden, wo das ZDF ein weiteres "nachtstudio" der Lyrik aufzeichnet, treten die Dichter nicht neben ein Wasserglas, sondern vor eine Riesenwoge. Unermüdlich überschlägt sie sich auf einer Monitorwand, und auf der Bühne davor lodert auf einem Bildschirm ein brennendes Kaminfeuer. Die ewige Wiederkehr und die elementaren Gegensätze, drumherum fünf Bürogeschosse aufgestapelt - fertig ist die Fernsehwelt.

Zwölf Lyriker haben das ZDF, das DeutschlandRadio Berlin und die Literaturwerkstatt Berlin eingeladen, "grosse Meister und junge Talente", wie Moderator Volker Panzer dem schütter erschienenen Publikum zu Recht ankündigt. Lautpoesie (Valeri Scherstjanoi, Gerhard Rühm) folgt auf recht laute Poesie (Serge van Duijnhoven, begleitet von DJ F.A.T. und Videojockey Gabriel Kousbroek), das lyrische Ich (Amal Al-Jubouri, Sapphire) begegnet der Sprache als Musik (Hilde Kappes), Lyrik und Jazz (Uwe Kolbe mit Dietmar Diesner) steht neben Sprachzerfetzung und dem Rattern mechanischer Spielzeuge (Michael Lentz).

Dichter als Magier, Tänzer, Musiker, Medium, Schamane - drei pausenlose Stunden artistischer Höhepunkte sind eine körperliche Herausforderung. Alsbald gehen gewiefte Channelhopper daher lieb gewonnenen medialen Usancen nach: ein, zwei Glas Bier und die dazugehörigen Toilettengänge. Dabei ist Acht zu geben auf die Kameras, die die Stuhlreihen immer wieder durchpflügen. Mal stoßen sie scheppernd eine Flasche beiseite, dann zerspringt unter ihren Rollen ein Glas.

Derweil geht alles seinen lyrischen Gang. Christian Uetz ist nach einem langen, schnellen und freien Vortrag wieder abgetreten. Ob der wie ein Dompteur gewandete Dichter noch weitere Gedichte geschrieben hat? In diesem einen war alles enthalten: Gott und das Wort, das Wichsen und der Leib, das Kommen und der Kommende, zuguterletzt die Literatur.

Volker Panzer erhebt sich wieder, ist erst nicht zu verstehen und sagt dann: "Bitte, provozieren Sie uns." Das klingt nach einem älteren lyrischen Semster. Tatsächlich, es ist Adolf Endler, und er stellt ein Wasserglas neben sein Buch! Diese "Endlereske" lässt prompt die Surferwoge hinter dem weißhaarigen "Lästermaulhelden" erstarren. So bringt sich die Wirklichkeit hinter den Bildern in Erinnerung. Der Schaltraum im ersten Stock ist kühl, sieben Damen und Herren blicken konzentriert auf dreizehn, vierzehn Monitore. "Die Aufnahmeleiterin soll endlich aus dem Bild gehen", nölt eine junge Frau. Doch das ZDF ist nicht MTV. Also wird die Poetennummernrevue durch zwei Diskussionen in der Mitte und am Ende unterbrochen, die sich erneut als Gelegenheiten zum Bierholen erweisen. Haften bleibt die Feststellung des Wissenschaftlers Reinhart Meyer-Kalkus: Dichter sitzen heute nicht mehr, sie stehen.

Stehend also kommt die Stimme zum Text, ohne Wasserglas kommt die Lyrik in den Sender, und nun kommt das alles zu Ihnen nach Hause, im Fernsehen und im Rundfunk. Sie dürfen sitzen. Wir wünschen Ihnen einen schönen guten Abend!

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