Kultur : Nachttopf-Museum: Hocken auf erlesenem Meißener Porzellan

Walter Schmidt

Man nannte ihn den "König unter den Predigern und den Prediger von Königen". Das hat dem französischen Jesuiten Louis Bourdaloue (1632-1704) sicher besser gefallen als eine eher pikante Ehre, die ihm erst eine Generation nach seinem Tod zuteil wurde: Nach dem wortgewaltigen Priester wurden allmählich jene Keramik-Töpfe benannt, in die Hofdamen, zumeist auf Reisen, ihr kleines Geschäft verrichteten, also ganz schnöde hinein pinkelten.

Und das kam angeblich so: Am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. pflegte der Jesuit weitschweifig, aber auch so fesselnd zu predigen, dass die Damen kein Wort davon missen mochten. Die "Encyclopedia Britannica" bemerkt hierzu, dies sei vornehmlich eine Folge von Bourdaloues "schöner Stimme und Ansehnlichkeit" gewesen. Der Mann hatte wohl Schmiss. Wie auch immer, es hatte sich damals wohl eingebürgert, dass die feinen oder auch weniger feinen Damen aus der Küche entliehene Saucièren mit in die Kirche brachten, in die sie ihre Blase entleeren konnten, ohne ihr andächtiges Lauschen unterbrechen zu müssen. Was nach dem Kirchgang mit den Soßenschüsseln geschah, ist nicht überliefert, man will es aber so genau auch nicht wissen.

"Ein bisschen unhygienisch"

Die Porzellan-Manufakturen griffen die neue Sitte bald auf und formten ein Gefäß, das den Saucièren zwar noch glich, aber zum Hinein-Urinieren besser geeignet war: den "pot de chambre oval". Noch bis etwa 1980 führte die Deutsche Schlaf- und Speisewagengesellschaft (DSG) in den Schlafwagen-Abteilen einen solchen ovalen "Pinkelpott" für Damen in dezentem Weiß mit. Der Weg zur Toilette durch den schwankenden Zug blieb den schlaftrunkenen Reisenden durch den Steingut-Topf erspart. Heute haben die Wagen zwei statt nur einer Toilette, und die Bahn-Reisenden fänden das Angebot eines Nachttopfs wohl "ein bisschen unhygienisch", wie Heinz Janker von der DSG-Nachfolgerin Mitropa in Frankfurt am Main meint.

Das "Zentrum für außergewöhnliche Museen" (ZAM) in München hält für Besucher eine Bourdalou-Sammlung bereit, die nach Museumsangaben weltweit die einzige ist. Erfreulicherweise sind fast alle Urin-Töpfe reizvoller als das ebenfalls ausgestellte, eher nüchterne Exemplar der Bundesbahn-Tochter DSG. Pikante Details gibt es auf den Pötten zuhauf: Auf einem Exemplar aus Delft von 1770 fasst ein draller Faun einer ebensolchen Dame an die Brust. Vom Boden eines knapp 200 Jahre alten böhmischen Bourdalous glotzt ein großes blaues Auge mit Schlafzimmerblick herauf, und es hat sicher einiges zu sehen bekommen. Die Inschrift in einem französischen Gefäß wagt sich noch weiter vor und verkündet, frei übersetzt: "Meine Liebe, ich sehe dich", wobei nicht ganz klar ist, wer da lüstern vom Topfgrund hinauf linst.

Unübertroffen in der etwa hundert Exemplare umfassenden Sammlung dürfte der ebenfalls französische Topf mit Spiegel am Boden und innenliegender Aufschrift sein: "zum Befriedigen meiner Neugierde". Es bleibt die Frage, was wohl die Fürstin Caroline Reuss, ihres Zeichens Prinzessin von Hessen-Homburg, empfunden haben würde, hätte sie gewusst, dass das gemeine Volk ihren Bourdalou anderthalb Jahrhunderte nach ihrem Ableben durchaus neugierig beäugen darf.

Schuld daran ist Manfred Klauda, ein im vergangenen Jahr gestorbener Jurist mit ausgeprägter Sammelleidenschaft, der 1979 in Bayreuth seine ersten 39 Nachttöpfe ersteigert hat, wie seine Frau erzählt. Bis zu seinem Tod hat Klauda rund 8000 davon zusammengekauft und ein Viertel davon im ZAM ausgestellt, weitere in einem ähnlich kuriosen Museum im bayerischen Kreuth. Doch der Sammler beließ es nicht bei Nacht- und Pinkel-Pötten; er verleibte seiner allein in München 500 Quadratmeter großen, begehbaren Schatzkammer obendrein Tretautos, Osterhasen, Parfüm-Flacons und Gegenstände aus dem Nachlass der österreichischen Kaiserin Sisi ein, in der Kreuther Außenstelle des ZAM des weiteren Vorhänge-Schlösser, Schutzengel, Wolpertinger-Fabelwesen und Korkenzieher.

Die meisten dieser flächenmäßig kleinen, aber feinen Ausstellungen sind einzigartig auf der Welt, und manche haben Klauda Einträge im Guinness-Buch der Rekorde verschafft. Darin steht er auch für den 1993 erfolgreich abgeschlossenen Versuch, von München bis Dresden im Tretauto zu fahren, zuweilen durch Eis und Schnee. Das hatte einen durchaus ernsten Hintergrund. "Er wollte ein Tretauto für Erwachsene bauen lassen, ein muskelbetriebenes Stadtauto", erzählt seine Witwe, Jutta Laskowksi-Klauda. Es habe schon Kontakte mit einem russischen Ingenieur-Team gegeben, doch nach Klaudas Tod sei die "im Trend liegende Idee" nicht weiter verfolgt worden. "Mit seiner Rekordfahrt wollte er zeigen, dass diese Strecke selbst in einem Kinder-Tretauto zu bewältigen ist", sagt die Museumsbesitzerin. Sie möchte "das Lebenswerk meines Mannes in Ehren weiterführen", aber erweitern will sie die Sammlungen mit kuriosen Gegenständen des täglichen Lebens nicht mehr, schon wegen der Kosten. Das ZAM mit etwa 25 000 Besuchern pro Jahr sei ein "idealistischer Zuschussbetrieb".

Klauda störte sich daran, dass "die exkrementellen Funktionen zu den großen Tabus unserer Gesellschaftsmoral zählen", wie er schrieb, und ihm lag daran zu demonstrieren, "mit wie viel Fantasie und Hingabe" unsere Vorfahren den Nachttopf gestaltet und verziert haben. Das Flanieren entlang der Vitrinen hat einen demokratisierenden Effekt: Beim Verrichten der Notdurft zumindest waren alle Stände gleich. Prinzregent Luitpold von Bayern wird auf seinem im ZAM gezeigten Pott wenig anderes getan haben als ein Metzgermeister aus Ingolstadt, und auch Fürst Bismarck hat den Nachttopf in seiner Bad Kissinger Ferienwohnung in sehr menschlicher Absicht "besessen". Immerhin, hohe Häupter wie König Albert von Sachsen durften sich auf erlesenes Meißener Porzellan niederhocken.

Muntere Sprüche im Topf

Dass der Nachttopf, auch Brunzkachl, Pottschamberl (von "pot de chambre") oder Scherben genannt, als Möbel nicht gerade in hohem Ansehen stand, wird aus den Sprüchen deutlich, mit denen humorvolle Gesellen ihn verzierten: "Drückt dich Kummer und Leid, setz dich drauf, dann wirst du befreit", reimte einer. Oder: "Immer lustig, frech und munter, wer am Topf sitzt, geht net unter." Der Wahrheit noch näher kommt dieser Topf-Spruch: "In der Gesellschaft nicht geehrt, doch wer mich braucht, erkennt den Wert." Fast ist es schade, dass in unseren Tagen zentral beheizte Wohnungen mit Wasser-Klo den nächtlichen Gang unter Drang zum Herzhäuschen auf dem Hof überflüssig machen, vor allem im Winter.

Angesichts der offenkundigen Sammelleidenschaft des Menschen mag es verwundern, dass nicht viel mehr kuriose Museen Besucher anlocken. Die Gründe dafür vermutet Jutta Laskowksi-Klauda vielleicht zu Recht: Ihr Mann habe "eigentlich mehr Sammler mit verschiedenen Museen unter einem Dach vereinen" wollen. Doch er habe "unterschätzt, dass die meisten Sammler mit ihren Sachen lieber alleine in ihrem Keller bleiben wollen", sagt die Museums-Chefin. Wie bedauerlich.

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