Kultur : Nachtwachengesang

Heute wird beim Musikfest Wolfgang Rihms „Vigilia“ in Berlin uraufgeführt. Ein Probenbesuch

Christiane Tewinkel

Längst gibt es in der Musikgeschichtsschreibung die Neigung, über die Schriftlichkeit hinauszudenken und damit auch die Grenzen der abendländischen Kunstmusik zu öffnen. Musiziert wurde schließlich immer, nicht erst, seit man im 8. und 9. Jahrhundert daran ging, an Gedächtnishilfen zu denken und Kurzschriften für das tägliche Singen im Kloster zu ersinnen. Musik gibt es außerdem auf der ganzen Welt und in allen Schichten. Wer heute etwas auf sich hält beim Komponieren und Geschichteschreiben, wägt daher gern in aller Offenheit ab, wie viel die Musik der Mündlichkeit verdankt, wie sehr sie von fremdländischen Einflüssen weiß, und wie borniert es wäre, in Zeiten eines globalisierten Musikgeschmacks noch immer in den Schienen einer Kunst denken zu wollen, die sich ganz in die abendländische Tradition stellt.

Einer wagt es dennoch, ganz selbstverständlich. Und er tut gut daran. „Ich bin ja kein Polynesier“, sagt Wolfgang Rihm, wenn man ihn darauf anspricht, dass sein neues Stück „Vigilia für sechs Stimmen und Ensemble“ nach europäischer Renaissance klingt, nach Stimmverläufen, die melodiös strömen und in Klangtrauben britzeln, die sich in aller Ruhe übereinanderschichten und verflechten, spröde und schön, eine Motette für unsere Zeit.

Geistliche Musik? Nein. „Geistige“, sagt Rihm, „eine Musik, die sich aus der Kultur erklärt, aus der wir kommen.“ Wir treffen den 1952 in Karlsruhe geborenen Komponisten bei den Proben für die heutige Uraufführung beim Musikfest Berlin. In diesen Tagen kommt eine Arbeit zu ihrem guten Ende, die nicht weniger als fünf Jahre in Anspruch genommen hat. Mit dem Komponieren der gut einstündigen „Vigilia“, deren Titel sich den klösterlichen Nachtwachengebeten und -gesängen verdankt, begann Wolfgang Rihm zwar schon 2001. Doch „6. VIII.06“ steht in seiner feinen Handschrift unter dem allerletzten Doppelstrich auf Seite 128 – erst vor wenigen Wochen wurde das Stück fertig. Noch sind die Noten nicht gedruckt, Rihm aber schreibt so sauber, dass die Musiker von Singer Pur und musikFabrik, die nun im großen Saal der Philharmonie gemeinsam probieren, sich mühelos ans Autograph halten können.

Mitunter erhebt sich der Komponist, groß, mächtig, freundlich: Die Sänger mögen die Worte „incerta et occulta sapientiae“ bitte „sehr laut und akzentuiert sprechen“, so eben, wie er es hingeschrieben habe. Der Kontrabass, sagt er später leise, sei noch nicht präsent genug, doch wenn man jetzt um mehr Lautstärke bitte, würde das die anderen in die Defensive drängen. Später, das reicht. Rihm ist ein erfahrener Proben-Beiwohner.

Angefangen hatte Rihm das vielteilige Werk mit zwei Gesängen, die für eine Karsamstags-Liturgie in Rom in Auftrag gegeben worden waren. Salvatore Sciarrino war der andere zeitgenössische Komponist, der damals um einen Beitrag gebeten wurde. Der Plan für die Gesamtanlage der „Vigilia“ dann wuchs langsam. „Manchmal entstehen Stücke von innen nach außen, wie bei einer mittelalterlichen Bauform.“ Rihm fügte weitere Vertonungen hinzu, bald auch Einsprengsel für Ensemble, dann schließlich einen großen Schlussabschnitt, in dem Sänger und Instrumentalisten zusammentreten.

„Meine Seele ist betrübt bis in den Tod“; „Meine Sünde ist immer vor mir“, „Meine Augen sind trübe vom Weinen“ – Rihm hat lateinische Responsorien vertont, ursprünglich als Antwortformeln im Gottesdienst gedachte Verse, die den Evangelien entstammen, dem Buch Hiob oder den Klageliedern. Zuletzt kam der Erbarmen heischende 50. Psalm hinzu, freilich mit Auslassungen: „Schrift aus der Schrift, wie bei einer Wand mit Text; man liest Einzelnes, das tritt vor und bleibt.“ Es gehe um den Menschen in seinen Schwierigkeiten, seinem Ungleichgewicht, nicht um ein höheres Geschehen. „Die Sicherheit im Verkünden von Glaubensartikeln ist nicht meine Sache.“

Beim Komponieren ist Wolfgang Rihm entspannt. Die Töne liegen für ihn bereit, sie sind bereits da, Rihm nimmt sich ihrer an, nicht wissend, was geschehen wird, ein Musik-Chemiker fast, der mit Klang-Verbindungen arbeitet und hofft, dass auch diesmal alles gut gehen wird. Ob er tatsächlich so wenig steuert? Ein sorgfältig austarierter Klagegesang ist die „Vigilia“ geworden, Musik auf Worte, die, so der Komponist selbst, „gesättigt sind von Interpretation, oft vertont wurden, geradezu ,zertont’.“

Philharmonie, 20 Uhr, Werke von Magnus Lindberg, Orlandus Lassus und Wolfgang Rihm, Einführung um 19 Uhr.

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