Kultur : Nachwuchs nach Wunsch: Das genetische Christkind

Peter Gross

The world is not enough. Nie. Schön ist er und wahr, der Titel des neuen James Bond-Films. Jeder Mensch besteht aus zwei Menschen, wovon einer im Himmel ist. So hat es sinngemäß der Schriftsteller Milan Kundera ausgedrückt. Friedrich Nietzsche spricht in "Menschliches, Allzumenschliches" vom Zweikammersystem. Eine Kammer berge eine Kraftquelle und heize, die andere reguliere und beuge vor.

Die Metaphern über die Doppeltheit des Menschen sind endlos. Seit der Himmel leer gefegt und den Spatzen überlassen wird, seit, mit anderen Worten, das Jenseits ins Diesseits gefallen und Gott irgendwie in uns alle hineingekommen ist, vervielfältigen wir die irdischen Paradiese. Und seit die christliche Heilserwartung zu einem weltlichen Futurismus mutiert ist und die Zukunft verspricht, was früher der Himmel versprach und was die Gegenwart nicht halten kann, wünscht sich der Mensch lebendigen Leibes in den Himmel.

Kinder machen

Dass derzeit die Wünsche besonders heftig Kindern gelten, hat verschiedene Ursachen. Wie die Welt ist auch das Kind, wie es uns begegnet, nicht genug. Kinder sollen etwas Besonderes, etwas Besseres werden. Kinder reichen heute in jene himmlischen Zukünfte hinein, die es in fortschrittsorientierten Gesellschaften zu erreichen und zu erobern gilt. Ohne Eltern keine Herkunft, ohne Kinder keine Zukunft. Sie versprechen auch, seit es kein jenseitiges ewiges Leben mehr gibt, irdisches Weiterleben. Und, weil luxurierende Multioptionsgesellschaft wie die unsrigen immer weniger Nachwuchs zu Stande bringen, sind sie bevorzugtes Einwanderungsland neuer Träume.

Nun sind Kinder natürliche Dissidenten. Es ist, wie Winston Churchill einmal gesagt haben soll, einfacher, eine Nation zu regieren als Kinder zu erziehen. Geschweige denn, sie zu Kindern zu machen, in denen sich unsere Wünsche verwirklichen. Die Empfängnisverhütungsmittel, die es seit den späten Fünfzigern gibt, machten zwar das Wunschkind erster Art, das geplante und gewollte Kind möglich. Entsprechenden Anstrengungen von Paaren ist es zu verdanken, dass am ersten Tag des angebrochenen Jahrtausends, am 1.1.2000, Abertausende das Licht der Welt als Millenniumsbabys erblickt haben. Aber eigentlich nicht als Wunschkinder - nur als gewünschte Kinder. Viel mehr als der Tag der Geburt lässt sich beim Wunschkind erster Art nicht absehen.

1978 hat sich das geändert. Mit dem Retortenbaby Louise Brown kam das Wunschkind zweiter Art in die Welt. Es soll ihm immer noch, wird jährlich beschwichtigend berichtet, gut gehen. Ob die Ablösung der archaischen face-to-face-Zeugung der Ehe gut tat, ist eine andere Frage. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit mussten, abgesehen von der künstlichen Befruchtung, Mann und Frau nicht mehr zusammen- und ineinanderkommen, um Kinder zu zeugen.

Das Resultat kam jedenfalls schon eher dem nahe, was wir unter Wunschkind verstehen. Denn mittels künstlicher Befruchtung lassen sich Wunschväter beiziehen. In der "in vitro Fertilisation", der Retortenzeugung außerhalb des Mutterleibes, ist es Paaren möglich, von den eigenen Keimzellen ganz abzusehen und Kinder aus Eigenschaften auserwählter Spenderinnen und Spender zu komponieren. Zumindest was Haar-, Augen- und Hautfarbe, Grösse, Gewicht und Blutgruppe betrifft.

Die "Cryos International Sperm Bank" im dänischen Aarhus ist der derzeit weltweit grösste Samenmarkt, der über entsprechend sortierte Keimzellen verfügt und diese verkauft. Noch gibt es keine Untersuchungen darüber, ob die allein in Europa jährlich etwa 30 000 artifiziell gezeugten Kinder nicht nur als Wunschkinder geplant, sondern auch Wunschkinder geworden sind. Erziehung ist eine Fortsetzung der Zeugung und oft eine Art nachträgliche Beschönigung derselben, so Friedrich Nietzsche. Die Aufgabe blieb. Garantiert.

Aber damit wurde das Wünschen eher stärker. Nicht nur der erfüllte Wunsch bekommt in einer endlos der irdischen Glückseligkeit zustrebenden Gesellschaft augenblicklich Junge. Denn das himmlische Glück, das in der vormodernen Gesellschaft dem Jenseits eingeschrieben war, will heute innerweltlich erlangt werden. Man will lebendigen Leibes in den Himmel. Wenn nicht selber, dann durch die Kinder, denen es nicht nur besser, sondern immerwährend gut gehen soll.

Seit nun das Schicksal nicht mehr in den Sternen, sondern in den Genen steht, wie es Nobelpreisträger James Watson ausgedrückt hat, steht das Wunschkind dritter Art vor der Tür. Wie ein weiß gekleidetes Christkind, das den Wünschen endlich Ruhe und Frieden bringt. Retortenzeugung und die stürmisch gefeierte Genomentschlüsselung sollen die Möglichkeit bieten, gezielt Eingriffe am embryonalen Material vorzunehmen, um so das Wunschkind genetisch zu komponieren. Mittels der Präimplantationsdiagnostik lassen sich defekte Gene ermitteln und ersetzen. Mehr noch, so das technische Versprechen, mittels idealer Kombination von Genen soll eine Art Idealmensch geschaffen werden können. Aus dem Wunschkind wird - eine gleichzeitig anrührende und abstossende Umschreibung - das Designerbaby. Seit der stürmisch gefeierten Komplettentschlüsselung des menschlichen Genoms wird nun die Designerwelt durch das Designerbaby vervollständigt.

Die von der amerikanischen Gen-, Repro- und Nano-Technik-Fraktion vertretene Botschaft lautet nun: zum Teufel mit den alteuropäischen Vorurteilen und Skrupeln. Denn zum Greifen nahe scheint jetzt, was am Anfang jedes Kinderwunsches steht: ein Kind zu haben und zu machen, das die Wünsche erfüllt. Nicht durch Erziehung! Nicht durch zwanzigjährige, nerventötende Auseinandersetzung! Sondern durch vorgeburtliche Selektion der Gene! Statt krummes Holz, aus dem der Mensch, einem im Gedächtnis haftenden Satz von Kant zufolge, geschnitzt ist, gerade zu ziehen, pflanzt man Bäume, denen das Geradewachsen eingepflanzt ist.

Sich selbst machen

Heerscharen von Autoren haben mehr oder minder aufgeregte, mehr oder minder informierte Kommentare über dieses gentechnisch leuchtende Kind verfasst, über die zunehmende Wissenschaftsabhängigkeit des modernen Lebens und die alltagskulturelle Sprengkraft von Züchtungsfantasien räsoniert. Verschärfte Individualisierungstendenzen und fehlendes Wissenschaftsverständnis wurden ausgemacht. Die Ablösung der reflexiven europäischen Denkkultur durch amerikanische Pop-Kultur, Design- und Nanorobotik wurde beklagt. Sloterdijks Bemerkungen zum Menschenpark entfachten Stürme der Entrüstung. Die in Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" (1999) angesiedelte gentechnische Vision einer Erlösung des Menschen durch die Abschaffung genetischer Individualität und "vollkommener Replikation", einschließlich der Imagination einer friedlichen Zukunft in einer Welt eineiiger Zwillinge, wurde mit den gentechnischen Träumen konfrontiert.

Bemerkenswert ist, dass in der bisherigen Diskussion über eine Verwechselung hinweggesehen wird: Auch das Wunschkind der dritten Art muss nicht seine, sondern die Wünsche der Eltern erfüllen, die es produzieren. Zwar können diese die Konsequenzen ihrer Schöpfung nicht voraussehen, das wäre nur jemandem möglich, der sich außerhalb der Evolution platzieren könnte. Aber das sind Nebenschauplätze.

Die wesentlichen Vorbehalte gegen die Möglichkeit, das perfekte Wunschkind zu produzieren, sind bekannt. Die Kenntnis der Abfolge der Bausteine der DNS gibt keine Aufschlüsse darüber, wie die Gene innerhalb eines Genoms miteinander und in Wechselwirkung mit dem menschlichen Organismus funktionieren. Und: Die hierarchische Organisation des Organismus führt zu sprunghaftem Auftauchen neuer, nicht voraussehbarer Eigenschaften, zu Komplexität und Emergenz. Das ist Systemtheorie für Betriebswirte, erstes Kapitel!

Noch wichtiger als die praktischen Einwände ist, dass der Mensch nicht nur ein Produkt seiner genetischen Programme, sondern auch seiner sozialen Umgebung ist. Peter Fuchs hat kürzlich in der "taz" geschrieben, dass wir dem Genom unseren Mund, die Stimmritzen und die Geschmackspapillen verdanken. Doch was dieser Mund tut, "was er isst, was er nicht isst, wen er küsst (und wie er küsst), bei welcher Gelegenheit aus ihm erbrochen wird, wann aus ihm gesungen wird (und ob Fangesänge oder Arien), welche Sprache mit ihm gesprochen wird (und was in dieser Sprache möglich oder nicht möglich ist), wird im Zuge der Sozialisation reguliert".

Wir müssen noch etwas tiefer gründeln, wie das die außereuropäische Technikfraktion wohl nennen würde. Zur Freiheit gehört unverrückbar, dass man Operationsräume hat, etwas aus sich zu machen. Und dass es auf den Wert des Einzelnen ankommt. Das gehört unzweifelhaft zum Selbstverständnis der modernen, liberalen Gesellschaft. Noch die derzeit die Runde machenden Begriffe vom "Ich-Unternehmer" oder von der "Ich-AG" spiegeln diese Selbstinterpretation. Wenn nun Kinder nicht nur gemacht, sondern in ihren Eigenschaften komponiert werden, wie immer das im Einzelnen gelingen mag, verringert man ihre Räume der Selbstinterpretation und Selbstentwicklung.

Weiter ist es merkwürdig, sich vorzustellen, dass, salopp ausgedrückt, gentechnisch zusammengesteckte Kinder, wenn sie größer werden, einen fragen könnten, warum man sie so und nicht anders gemacht habe. Unsere Kinder fragen heutzutage höchstens mal, warum sie auf der Welt sind. Wenn man bedenkt, dass auf Grund der unbekannten Interaktionen von im Erbspiel gesetzten Genen alles noch einmal ganz anders kommen kann als gedacht, wird die Sache noch ernster.

Nicht ohne einen gewissen Schrecken denken wir an die Ausstellung "Heaven" in der Kunsthalle Düsseldorf im letzten Sommer, in der der Menschenpark in einer teilweise unheimlichen Art Gestalt angenommen hat: Die Figuren Big Baby 2 und Big Baby 3 von Ron Mueck (oben abgedruckt), aufgeblähte, überdimensionierte und hyperrealistische Monsterkindchen schauen mit großen Augen in die Welt, die sie gemacht hat. Oder sie müssen versuchen, wie Brian Singers Kinoerfolg "X-Men" (USA 2000) demonstriert, als durch X-Gen gezeichnete Helden mit ihren wundersamen Fähigkeiten fertig zu werden. Und zwar ironischerweise mit Hilfe eines Therapiezentrums, das sich zur Aufgabe gemacht hat, den Mutanten zu helfen.

Damit stoßen wir noch einmal zu jenen Überlegungen vor, die vielleicht in der Diskussion zu kurz gekommen sind. Wir sprechen dem Menschen nicht nur die Würde, sondern - es ist hart aber wahr - auch die Pflicht zu, sich selber machen zu müssen. Gewiss, nicht alle Menschen können etwas aus sich machen. Und manche wollen vielleicht gar nichts aus sich machen. Die menschliche Gemeinschaft ist nicht nur aufgerufen, jenen, die wenig oder nichts aus sich machen können, zu helfen. Sie hat auch jenen Raum zu gewährleisten, der die ungehinderte Entfaltung ermöglicht, und sei sie noch so einzigartig.

Werden hingegen bestimmte Menschenbilder vorgeburtlich durchgesetzt, so befrachtet man ein Leben mit einer nicht leicht zu tragenden Last. Die Wünsche von Eltern und Experten werden dem Kind eingebrannt - und nicht als Möglichkeiten mit auf den Weg gegeben. Wie würden Kinder, wenn es denn gelänge, sie genetisch zu verbessern, mit den resultierenden Ansprüchen fertig? Wie gingen sie mit ihnen um? Die "Brotherhood of Mutants" in "X-Men" planen die Vernichtung ihrer Macher. Hörten wir, statt fröhlichen Lachens, Flüche und Verwünschungen?

Müssen wir machen, was wir können?

Gewiss, das Machen dringt in alle Bereiche der Existenz vor. Und überall tritt das Gewährenlassen zurück. Die moderne Gesellschaft ist aktivistisch und von Neugierde erfüllt. Eine Welt ist nicht genug, nie, und wenn der Himmel nicht im Himmel, sondern auf Erden angesiedelt wird, dann will man den Himmel auf Erden erreichen. Wenn nicht selber, dann in den Kindern, denen man sich vererbt.

Mit dem Wort Erbe tritt nun jene Frage hervor, die vielleicht ob der kurzweiligen Fiction-Robotik ebenfalls in Vergessenheit geraten ist. Das neuzeitliche Individuum wird, wenn es nicht mehr gezeugt, sondern aus einem Cocktail von Genen gemacht würde, endgültig aus den letzten herkunftsbezogenen Gewissheiten herausgesprengt und auf eine Umlaufbahn entlassen, die von der Generationenfolge abgekoppelt ist. Die so genannten Blutsbanden haben ein vorgegebenes Netz von Relationen definiert, in das der moderne Mensch, bei aller Flexibilität und bei allen Wahlverwandtschaften, sich fraglos einfügte. Diese, die vielleicht einzige dem modernen Menschen noch vorgegebene Festigkeit, die verblieben ist, wird noch tiefer erschüttert als sie es durch die Anonymisierung von Keimzellen in den modernen Verfahren der Reproduktionstechniken schon wurden.

Eine Welt ist nicht genug. Nie. Vielleicht bietet die Entschlüsselung des genetischen Codes die Chance, mit erblichen Krankheiten fertig zu werden. Vielleicht lassen sich auch Probleme der Welternährung angehen. Vieles lässt sich denken, und was gedacht wird, wird häufig auch gemacht. Dass das Machen mehr Probleme auslöst, als es löst, und dass jedes Machen, wenn es gemacht ist, die Frage aufwirft, ob man es nicht anders hätte machen sollen, ist nicht nur der Preis des Fortschritts. Es ist der Preis des Menschseins überhaupt. Die Existenz des Menschen war immer auf Hoffnungen gegründet. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das nicht sein will, wie es ist.

Die gentechnischen Träume sind Ausdruck dieser Verfasstheit. Aber will der Mensch sich von sich selber erlösen? Wäre der Mensch, der sich genug wäre, noch ein Mensch? The world is not enough. Die gentechnischen Träume zur Verbesserung der Menschheit lassen sich lesen als modernster Ausdruck dieser Menschheitsfrage. Doch die technische Hybris, wie sie im Gefolge der so genannten Genomentschlüsselung fröhliche und wortmächtige Urständ feiert, macht sich die Dinge zu einfach. Es ist, könnte man Churchill paraphrasierend sagen, einfacher, Computerprogramme zu entwerfen als Kinder zu erziehen.

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