Kultur : Nackt bis unter die Haut

Zwischen Kunst und Pop: Yoko Ono zum 70.

Kai Müller

Was ist diese Frau gehasst und angefeindet worden! Niemand wurde so sehr mit Verachtung gestraft wie Yoko Ono, die Performance-Künstlerin und politische Aktivistin, die John Lennon und die Beatles ruiniert haben soll. Obwohl das Urteil mit den Jahren milder geworden ist, wird man die kleine, energische Frau wohl nie wirklich mögen. Dabei beruht alles, was man ihr nachsagt, auf einem Missverständnis. Denn in der Welt der Pop-Idole, der euphorischen Liebesbekundungen und oberflächlichen Berühmtheit ist sie stets eine Fremde geblieben. Und wollte es auch nicht anders. Sie hat im Gegenteil offenbart, wie spießig und konventionell die sich selbst für so wild haltende Pop-Gesellschaft im Kern denkt.

Yoko Ono kam heute vor 70 Jahren als Tochter einer vornehmen japanischen Familie zur Welt, der enge Beziehungen zum Königshaus nachgesagt werden. Tatasächlich gingen die Söhne von König Hirohito mit ihr in dieselbe Klasse, bis die Familie wenige Monate vor dem Überfall auf Pearl Harbor in die USA übersiedelte. Nach einem abgebrochenen Philosophie-Studium stürzte sich die zierliche und temperamentvolle junge Frau in die Kunst-Szene von Manhattan, wo sie bald Anschluss fand unter den anti-bürgerlichen Happening-Artisten und DADA-Verehrern. Vor allem John Cage hatte es ihr angetan. Dessen Kompositions-Minimalismus griff Ono auf und noch in den spröde-vitalistischen Rock-Nummern der späteren Plastic Ono Band sind Spuren dieses Einflusses zu hören. 1962 sorgte sie für Aufsehen mit einer Performance, bei der sie das Publikum aufforderte, ihr die Kleidung vom Körper zu schneiden („Cut Peaces“). Das Moment der Entblößung wurde zum tragenden Motiv ihrer plakativen Kunst-Aktionen. Wobei Nacktheit – für den Experimentalfilm „Bottoms“ nahm sie 365 nackte Männerhintern auf – nur ein Mittel war, um Gewaltverhältnisse sichtbar zu machen. So verstand sie ihre Körperkunst als „Überwindung gesellschaftlicher Barrieren, durch die Frauen permanent marginalisiert werden“.

Auch an der Seite John Lennons, den sie 1966 kennen lernte, ließ sie sich nicht ins Abseits drängen. Obwohl ihre ständige Anwesenheit – Lennon wollte sie als fünftes Band-Mitglied verstanden wissen – zu großen Spannungen unter den Musikern führte, wird ihre Rolle beim Auseinanderfallen der Fab Four meist übertrieben. Lange vorher schon hatte sie mit Lennons Unterstützung das Prinzip des Happenings auf die Popmusik übertragen und die Kunst der Entblößung musikalisch zugespitzt. Bis heute will diese kruden Song-Exkursionen der Art- Rock-Phase kaum jemand verstehen. Dabei könnte man hinter der Pop-Diva eine Spielerin entdecken.

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