Kultur : Nackt hinter Gittern

Ivo van Hove schickt „Edward II.“ in den Hochsicherheitstrakt – eine wilde Männerfantasie an der Schaubühne.

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Typen in Tüten. Überwachungsvideo in Ivo van Hoves „Edward II.“-Fantasie. Foto: Lieberenz/Bildbühne
Typen in Tüten. Überwachungsvideo in Ivo van Hoves „Edward II.“-Fantasie. Foto: Lieberenz/Bildbühne

Manchmal fällt Heiligabend wohl schon auf den 17. Dezember und die Bescherung findet ein paar Tage früher statt. Der niederländische Regisseur Ivo van Hove inszeniert an der Schaubühne „Edward II.“ eines gewissen Christopher Marlowe (zu seiner Vita siehe nebenstehenden Text), das heißt, eigentlich inszeniert Ivo van Hove gar nicht das Stück, sondern macht sich selbst ein riesiges, schick martialisches Bühnengeschenk.

Wow, was hier alles aufgefahren und vorgezeigt wird! Acht vergitterte Zellen hat der Bühnenbildner Jan Versweyveld auf die Bühne karren und zusammenschrauben lassen, und nun nehmen sie dort die ganze Breite ein. Dahinter erhebt sich eine Art Kommandostation mit vielen Bildschirmen und einem Monstertechnikpult, von dem aus viele Überwachungskameras geräuschlos gesteuert werden können. Durch die Zellengitter fällt der Blick auf einen Duschbereich, der so groß ist, dass acht nackte Männer gleichzeitig duschen können. Und das müssen die erbarmungswürdigen Schauspieler auch mehrmals tun. Nackt duschen. Oder sich nackt unter der Dusche prügeln. Oder sich nackt unter der Dusche Besenstiele in den Hintern rammen. Oder einander, an die Gitterstäbe geklammert, vergewaltigen. Oder an den Zellenwänden wie liebeskranke Schimpansen entlangklettern, so dass die Nacktheit mächtig schaukelt.

Oder, das ist es, auf die die Moral der Geschicht’ schließlich hinausläuft, sich gegenseitig Plastiktüten über den Kopf ziehen und sich ersticken – was dann von den Kameras auf eine große Videowand übertragen wird, wo dieses Verzweifelt-In-Tüte-Atmen aber eher wie eine luststeigernde SM-Praxis aussieht. Die Welt ist also ein Riesenknast, in dem es ausschweifend drunter und drüber geht, inklusive Mord- und Totschlag. Das passt, wenn man Foucault falsch verstanden hat, natürlich immer. Unter dem Vorwand, ein bisschen „Überwachen und Strafen“ zu zitieren, führt uns Ivo van Hove stolz einen Homo-Folterkeller vor.

Edward II. liebte in Marlowes letztem Stück aus dem Jahr 1591 (voraussichtlich) zwar tatsächlich den Emporkömmling Gaveston, und zwar so inniglich, dass er seine Regentschaft vernachlässigte und damit nicht nur seine Frau Isabella, sondern auch die Adligen seines Hofes und besonders Edelmann Mortimer (Paul Herwig) gegen sich aufbrachte. Nach einigem Hin und Her wird erst Gaveston getötet, worauf Edward an den Adligen Rache nimmt, bis er selbst auf bestialische Weise gerichtet wird. Nur war Edwards Homosexualität für die Zeitgenossen und Marlowe gar kein Thema, sondern wurde als Spleen oder Laune betrachtet. Vor allem handelt das Stück vom Niedergang Edwards, der sich vom egoistisch Liebenden zum leidend Sehenden wandelt. Und vom Aufstieg Mortimers.

Van Hofe macht daraus eine große Sexsache, eine gleichmacherische pompös verquaste Eros-und-Thanatos-MännerShow (selbst Isabella wird von einem Mann, von Kay Bartholomäus Schulze, gespielt), bei der hinter tausend Stäben zwar viele Penisse baumeln, aber nichts von dem Doppelporträt und dem Interesse an der Geschichte übrig bleibt. Die Schauspieler geben sich Mühe, überhaupt so etwas wie Figuren und einen nachvollziehbaren Konflikt hervortreten zu lassen, aber das dominante Setting des Abends prügelt sie immer wieder in die Gesichtslosigkeit der Reihe, in die choreografischen Gesetze der Turnerei zurück.

In einem anderen Rahmen würde das empfindsame Leiden und die inbrünstig vorgetragene Liebe zwischen Stefan Stern als verweichlichter Edward und Christoph Gawenda als Gaveston möglicherweise anrühren. Hier wird bloß eine Schmonzette draus. Zum Schluss zeigt die Videowand übrigens, wie Leicester (Urs Jucker), der Obermörder aus der Überwachungszentrale, mit Aktentasche in die U-Bahn steigt und nach Hause fährt, um von seiner Frau mit Spaghetti Bolognese empfangen zu werden. Ach, wir alle also sind’s! Und Hannah Arendt muss auch noch dran glauben.

Wieder heute, 19. 12., und 20. 12.

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