Kultur : Nackt im Erdbeerfeld

Bodo Mrozek

Das Geheimnis des Popstars ist schwer zu ergründen. Andy Warhol hat es versucht, indem er für Jedermann das Recht einforderte, fünf Minuten lang berühmt zu sein. Auf diesem Prinzip beruhen Talkshows und Superstar-Suche. Ein noch besserer Weg zum Kurzzeit-Ruhm ist der Ähnlichkeitswettbewerb, auf Neudeutsch „Lookalife-Contest“ genannt. Von Elvis Presley wird die Anekdote berichtet, dass er einmal an einem Elvis-Ähnlichkeitswettbewerb teilgenommen hat. Angeblich wurde er Dritter. Der heimliche Höhepunkt der Frankfurter Buchmesse war jahrelang der vom Satiremagazin „Titanic“ veranstaltete Thodor-W.- Adorno-Ähnlichkeitswettbewerb. In diesem Jahr brach man mit der Tradition und lobte zu Ehren des Gastlandes Korea einen Kim-Jong-Il-Ähnlichkeitswettbewerb aus. Dabei musste man den „großen Führer“ lobpreisen. Eines der Auswahlkriterien war der Nachweis der „am besten versteckten Atompointen“.

Überhaupt eignen sich besonders Menschen mit Markenzeichen wie Frisur (Elvis, Hannelore Kohl) oder markanten Brillen (Kim Jong-Il, Buddy Holly) für solche Wettbewerbe. Ohne Brille hat man auch heute schlechte Chancen beim John-Lennon-Look-A-Like im Kino Babylon (Rosa-Luxemburg-Str. 30, Mitte). Zwischen 20 und 2 Uhr geht es nur um den toten Beatle, es gibt szenische Lesungen, Filme, Tanztheater. Experten auf der Bühne sind das Lesebühnenurgestein Dr. Seltsam und Lennon-Biograf Alan Posener, Meinungschef der „Welt am Sonntag“. Ebenfalls erwartet: Kultursenator Thomas Flierl. Ungewöhnlich ist auch der Veranstalter: Zur Lennon-Nacht ruft der Humanistische Verband auf.

Es scheint, als würde der einstmals als Sektierer und Drogenfreak verspottete Beatle heute alle Generationen einen. Der Musiker, am 8. Dezember vor 25 Jahren ermordet, ist heute konsenstauglich, sogar Schulen darf man nach ihm benennen. Kaum vorstellbar, dass noch 1969 der Verkauf seiner avantgardistischen Platte „Unfinished Music No. 1 – Two Virgins“ verboten war, weil das Cover John und seine Ehefrau Yoko so zeigte, wie Gott sie schuf. Auch dies wäre eine Variante für den Ähnlichkeitswettbewerb – ein Adamskostüm ist schließlich überall zu haben und nebenbei die preisgünstigste Art, sich zu verkleiden. Die ersten zehn Lennon-Imitatoren haben freien Eintritt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben