Kultur : Nackt in der Kirche

Doch kein Skandal: Kresniks „Zehn Gebote“ in Bremen

Katrin Ullmann

„Mein Haus soll ein Bethaus sein“. So sprach Jesus Christus. Und so protestiert eine Nachbargemeinde am Premierenabend von Johann Kresniks skandalumtosten „Zehn Geboten“. In bunten Lettern sind Jesu mahnende Worte auf ein Transparent gemalt, das Pastor und Gehilfe tapfer in die Kameras halten. Sanftmütig rücken sie, als der Einlass beginnt, vom Portal der Bremer Friedenskirche ab.

Der Innenraum ist gut geheizt und gähnend leer. Es fehlen Bänke, Sakral-Dekor und Kerzenschein. Stattdessen ragen hohe, weiße Einbauten (Bühne: Thomas Klumpp) in den Kirchenbau. Auf dem einen steht ein altes Auto, auf dem anderen ein Bett und in der Mitte ein golden schimmernder Altar. Die Kirchenglocken läuten, bedrohliche Musik braust auf (von Serge Weber) mit Bach-Motiven und verebbt. In der Kuppel läuft ein Film. Da rast ein Wagen durch die Stadt, explodiert. Der Fahrer brennt und rennt. Und erwacht schließlich schwer verletzt auf dem Altar. In diese Welt geworfen ist er „ein Fremder", gespielt von Günther Kaufmann, dem kürzlich in Berlin aus der Haft entlassenen Mimen.

Er taumelt zwischen Polizist, Metzger und Soldat. Zwischen Richterin, Pfarrerin, Mädchen, Nutte und Diva. Erst wird er geliebt, begehrt, bewundert, später beschimpft, gequält und gehasst. Das klingt nach Lars von Triers Kultfilm „Dogville“. Mehr noch nach Pasolinis „Teorema“. Denn dieser ist – neben den zehn Geboten, natürlich – Gerüst für Christoph Klimkes ehrgeiziges Libretto. Dies ist bestückt mit Texten von Sartre über Fassbinder bis Peter Weiss, Zitaten von Ulrike Meinhof bis George W. Bush.

Der Text will alles. Will Gesellschaftsundkriegsrundumschlag sein. Und Kresnik baut darüber – ruhelos und unverdrossen - seine vertrauten, gewaltigen Bilderwelten. Zwei fröhlich singende Sopranistinnen braten Fleisch auf lodernden Gasflammen, der Kinderkirchenchor singt, mit Patronengurten behangen, fröhlich ein fahnentreues Lied. Und alte – und, ja, ganz nackte! – Schneiderinnen nähen sich Herz und Seele aus dem Leib, auf schwarz-rot-goldener Meterware. „Du sollst nicht stehlen!“ lautet das siebte Gebot. Kresnik zeigt – krass und klar – die Ausbeutung der Dritten Welt.

Die Bilder des alten Wilden sind nicht neu, nicht sanft oder subtil. Doch es gruselt immer noch. Der schwarze Fremde verzagt an der verkrusteten Gesellschaft. Diese hat sich selbst in einen Glaskäfig verbannt; bewirft sich mit feuchter Erde und selbstgefälligen Sprüchen über Bio-Hennen, Goethe und Rassismus. Traurig nimmt da der Fremde seinen Koffer und geht. Laut fällt hinter ihm die Kirchentür ins Schloss, und auf den brennenden Altar steigt, sich opfernd, eine goldgelockte, nackte Frau. Ein Engel? Das waren sie also, Kresniks „Zehn Gebote“: sakraler, als mancher Aufführungsgegner zu glauben wagte. Harmloser als manch anderer Kresnik-Tanz.

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