Kultur : Nackt kostet doppelt

Das DV8 Physical Theatre eröffnet den „Tanz im August“ in Berlin

Sandra Luzina

Alles hat seinen Preis: Mit „The cost of living“ sorgte die Londoner Kulttruppe DV8 Physical Theatre für einen umjubelten Auftakt des internationalen Berliner Tanzfestes. In Zeiten der Rezession klärt endlich eine Compagnie das Publikum darüber auf, wofür es eigentlich sein Eintrittsgeld bezahlt. Ja doch, alles ist käuflich, jeder trägt seine Haut zu Markte, Tänzer zumal. Der blasierte Eric informiert über die aktuellen Kurswerte, nennt die Preise für ein Plié und ein Port de Bras. Ist auch bereit, Rabatte für den einen oder anderen Ballettschritt zu gewähren. Nur in einem bleibt er hart: Nacktheit kostet doppelt.

Lloyd Newson, Choreograf von DV8, untersucht: Welchen Preis zahlen wir für unseren lifestyle? Für unsere Sucht nach Glamour und Erfolg und makellosen Körpern? „The cost of living“ handelt vom totalen Diktat des Marktes und von der Kunst der Verstellung, von sozialer Anpassung und Ausgrenzung. Wer gehört zum Club, fragt Lloyd Newson. Und wer muss draußen bleiben? Das teilt sich einigen Unglücklichen gleich als buchstäbliche Erfahrung mit: Punkt 20 Uhr werden die Türen des Hebbel-Theaters verschlossen, die Nachzügler lässt man etwas zappeln; Zeit genug, um darüber zu sinnieren, was man vielleicht verpasst.

Auf der Bühne mit der Kunstrasen-Auslegeware lugen grell geschminkte Clownsvisagen hinter einem Podest hervor, wackeln mit den Köpfen, frei zum Abschuss. Einer beschwert sich über den „fucking job“ und reißt sich die Maske vom Gesicht. Lloyd Newson kennt kein Pardon, er lässt seine Performer noch so manch idiotischen Job machen. Sie werden vorgeführt als alberne Amüsiersklaven, dressierte Hündchen und hochgezüchtete Paradekörper. Oder als Freaks und Monster. Die Spaßgesellschaft schlägt in Terror um.

Wie errechnet sich unser Marktwert? Wie bewerten wir uns selbst und andere? Über diese grundsätzlichen Fragen gerät die gesamte Werteordung ins Rutschen. Für alles und jeden findet sich ein Äquivalent, nichts bleibt verschont von der totalen Durchökonomisierung der Gesellschaft – so lautet die Diagnose. Newson untersucht auch, wie ästhetische Distinktionen mit sozialen Unterschieden zusammenhängen. Sind die hohen Beine der Ballerina gleichbedeutend mit hoher Kunst? Hier bekommt sein Stück, das an René Polleschs Vorstellungswelten erinnert, britisch-klassenkämpferischen Furor.

Wie Abweichung bereits auf der körperlichen Ebene stattfindet und in soziale Ächtung umschlägt – wie gnadenlos stigmatisierend unser konditionierter Blick doch ist, führt uns Newson drastisch vor Augen. David Toole ist der Mann ohne Unterleib, der sich behende auf seinen kräftigen Armen über die Bühne schwingt, kleine Kunststückchen ausführt. Ein Normalwüchsiger stellt dem Krüppel dreist die Fragen, die wohl allen durch den Kopf gehen: Hast du einen Hintern? Hattest du schon mal eine Freundin?

DV8 – im Namen der Truppe steckt das Verb „deviate“ – abweichen. Diversität, das Recht, anders zu sein: Das haben sich DV8 seit ihren Anfängen auf die Fahnen geschrieben. Lloyd Newson war einer der ersten Künstler, der Themen von schwuler Identität aufgriff und mit seinem Hardcore-Realismus oftmals schockiert hat. Lloyd Newson zeigt: begnadete und behinderte Körper, die Hippen und Tätowierten – und die Ausgemusterten und Freaks. Alle machen gute Miene zum bösen Spiel. Einer gibt den Dicken vom Dienst und macht winkewinke. Da ist die Frau, die zu kurze Beine hat und eigentlich schon zu alt ist fürs Ballett. Das hohe Bein einer Jüngeren schwebt über ihr gleich einem vernichtenden Urteil. Tapfer lächelnd macht sie weiter. Immer grotesker wird der Wettbewerb, und am Ende werden alle ausgemustert. Das sind die Spielregeln. Den wunderbaren Performern gelingt die Balance zwischen Parodie und Ernst, zwischen Selbstentblößung und Wahrhaftigkeit.

In die grelle Farce mischt sich am Ende immer mehr wütende Verzweiflung. Einer greift zum Maßband, vermisst den eigenen Körper und die Distanz zum Anderen. Will nicht nur Schulterumfang und Hüftbreite errechnen, sondern auch die sozialen Beziehungen. Ein Maßnahme, die in trotzige Auflehnung umschlägt. Denn trotz aller Kalkulation: nie passt etwas, schon gar nicht fügt sich etwas zusammen.

„The cost of living" ist beides: beklemmende Freakshow und amüsante Kapitalismussatire. Das Festival „Tanz im August“ mit DV8 Physical Theatre zu eröffnen, war eine kluge Maßnahme: Dies ist ein Tanz, der den Zuschauern den Kopf wäscht und die Augen öffnet.

Noch einmal heute, 20 Uhr, Hebbel-Theater

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