Kultur : Nacktbaden für alle

Im Kino: „Der Tag, an dem Bobby Ewing starb“ erinnert an Brokdorf, Müsli und die grüne Ursuppe

Harald Schumann

Das Timing könnte nicht besser sein. Die erste (und womöglich auch letzte) Generation der Grünen räumt gerade die Bühnen der Macht, da beschert uns ein echter 69er eine Rückschau auf jene Zeit, als deren Anhänger sich noch zur Avantgarde der Welterrettung zählten. Lars Jessen, Drehbuchautor, Regisseur und heute 36 Jahre alt, hat es selbst mitgemacht, das Leben mit diesen merkwürdigen Eltern und deren Freunden, die erst gegen den verklemmten Mief der Nachkriegsära rebellierten und anschließend ihr Heil bei alternativen Lebensweisen auf dem Lande suchten.

Und genau so ist sein Film zum Thema geraten: „Der Tag, an dem Bobby Ewing starb“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, erzählt die Geschichten der Öko- und Alternativbewegung der 70er und 80er Jahre aus der Sicht eines Pubertisten, der im links-alternativen Milieu von überpolitisierten Erwachsenen sein eigenes Ding sucht. Schauplatz ist eine der klassischen Land-WGs jener Zeit, wo die Sozialpädagogin Hanne (Gabriela Maria Schmeide) mit ihrem 17-jährigen Sohn Niels (Franz Dinda) nach gescheiterter Ehe Zuflucht sucht und schließlich im Bett des Chefkommunarden Peter (Peter Lohmeyer) landet. Der werkelt mit einigen Mitstreitern seit Jahren daran, sein pädagogisches Kleinprojekt für Suchtkranke zur alternativen Wohnstatt mit eigener Windstromversorgung aufzumotzen. Und nicht zufällig liegt der verfallene Hof in der Wilster Marsch, gleich neben dem Atomkraftwerk Brokdorf.

Die Anti-Atom-Bewegung ist zu diesem Zeitpunkt, 1986, schon ein alter Hut. Aber für Peter, Hanne & Co. ist sie der größte politische Erfolg ihres Lebens. Fotos ihrer Auftritte bei den Großdemos am Bauzaun zieren die WG-Pinnwand. Vergebliche Blockadeversuche gegen die polizeiliche Übermacht und die drohende Inbetriebnahme der Atomstromfabrik zählen zum WG-Alltag, den Nils zunächst nur „ziemlich öde“ findet.

Überzeugend einfühlsam gelingt Jessen und seinen Schauspielern das Spiel mit dem charakteristisch klebrigen Beziehungsgeflecht der kollektiven Lebensform jener Zeit. Umwerfend komisch erscheint da heute die Politisierung persönlicher Konflikte, etwa wenn sich Hanne ihre Sehnsucht nach Ordnung als hausfrauliche Unterwerfung vorwerfen lassen muss. Nicht minder unterhaltsam sind die Befreiungsversuche mittels gemeinschaftlicher Schreitherapie oder Nacktbadens im eiskalten Badezuber.

All das ist schön ironisch, amüsant – und doch misslungen. Denn das Motiv der Akteure für ihr merkwürdiges Treiben bleibt im Dunkeln. Zwar sind alle Ingredienzen des Politischen jener Zeit in die Geschichte eingerührt. Eckhardt, der Alt-68er (Richy Müller), erzählt Niels von den Schüssen auf Rudi Dutschke und seinen fünf Knastjahren als RAF-Unterstützer. Und sein eintägiger Grundkurs in Sachen Militanz und Molli-Werfen lässt den Jungen für die gelungene Sprengung eines Strommastes schwärmen. Aber auf diese Weise wird die Gewaltdebatte genauso abgehandelt wie der Anbau pestizidfreier Lebensmittel und die Furcht vor der Strahlenwolke aus Tschernobyl, die am Ende die Gemeinschaft auseinander treibt: nebenbei. Eben so, wie es ein pubertierender Jüngling wahrnehmen musste, dem sein erster Liebeskummer mit der Dorfschönen eigentlich weit mehr zu schaffen macht als die politischen Ansichten seiner Eltern.

Wie um Himmels willen diese Themen die Leidenschaft von Millionen entfachen konnten, hat Jessen nicht verstanden. Anders ist kaum zu erklären, dass der Streit um die Atomkraft und der massenhafte Bruch mit dem eisernen Fortschrittsglauben der Moderne hier nur als Marotte einer „seltsamen Generation“ erscheint, wie der Regisseur selbst schreibt. Insofern ist sein jüngst mit dem Max- Ophüls-Preis gekürter Film gewiss ein gelungenes Stück Unterhaltung für grüne Nostalgiker. Aber er enthüllt unfreiwillig auch die gescheiterte Politisierung des Autors, dem vermutlich auch die Lektüre zeitgeschichtlicher Bücher bis heute fremd geblieben ist. Vielleicht ist Politik aber auch einfach nicht sein Ding.

Was das alles mit Bobby Ewing zu tun hat? Wird hier nicht verraten. Nur so viel: Der Running Gag hat es in sich.

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