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Nackte Tatsachen : Das vernachlässigte Geschlecht

09.12.2012 13:25 Uhrvon
Auslöser eines Skandälchens. „Vive la France“ von Pierre & Gilles wurde in Wien mit einem Balken überklebt.Bild vergrößern
Auslöser eines Skandälchens. „Vive la France“ von Pierre & Gilles wurde in Wien mit einem Balken überklebt. - Foto: VG Bildkunst/Courtesy Galerie Jérôme de Norimont

Die griechische Antike ohne nackte Männer? Adam, Adonis und der schönste Hintern Berlins: Das Wiener Leopold-Museum widmet nackten Männer eine gesamte Ausstellung.

Am Anfang, seien wir ehrlich, war der nackte Mann. Ohne Adam keine Eva keine Menschheit, und auch die Geschichte der Kunst wäre ohne Adamskostüme um einiges ärmer. Die griechische Antike ohne nackte Männer? Rom ohne Michelangelos Adam in der Sixtinischen Kapelle? Florenz ohne den berühmtesten Penis der Welt, den des schönen David auf der Piazza della Signoria? Zu klein, sagen die Kunsthistoriker übrigens, das hat die Renaissance von den alten Griechen übernommen: Vor lauter Diskretion sind die Penisse ihrer in Stein gehauenen Heroen meistens zu klein.

Die abendländische Malerei wäre ohne nackte Männer ebenfalls aufgeschmissen, denn ihre Königsdisziplin ist der männliche Akt. Seit dem 16. Jahrhundert saßen in den europäischen Akademien die Herrschaften um ein männliches Modell herum, nicht selten um den Hausmeister. Männer schauten Männer an, das war die Kunst. Es konnten auch Leichen im Anatomiesaal sein, oder, seltener, Selbststudien. Frauen waren nicht zugelassen, zu schockierend ihr Anblick. Dass Frauen in der Kunstgeschichte nichts zu suchen hatten, wurde lange mit den nackten Männern begründet.

Seltsamerweise ist bisher kein Museum auf die Idee gekommen, ihnen eine Ausstellung zu widmen. Jetzt haben sich gleich zwei Häuser in Österreich ihrer angenommen, das Lentos-Museum in Linz und das Wiener Leopold-Museum. Das Thema war überfällig, sagt der Wiener Museumschef Tobias Natter, und scheut die Konkurrenz nicht. Klar, es gibt Überschneidungen, Munch und Mapplethorpe, Schiele, Keith Haring, Louise Bourgeois und Pierre & Gilles finden sich hier wie dort. Aber Linz konzentriert sich auf die Zeit ab 1900, während Wien 100 Jahre weiter zurückgeht, chronologisch voranschreitet und sich spielerische Sidekicks zu den drei Schwerpunkten erlaubt: dem Klassizismus, der Klassischen Moderne vor allem in Wien und der Zeit nach 1945.

Als Prolog dient ein Catwalk, der über 4000 Jahre Revue passieren lässt, vom oldest nude in town (ein Ägypter aus dem Kunsthistorischen Museum) über einen bronzenen Rodin bis zu Heimo Zobernigs Selbstporträt in Gestalt einer Schaufensterpuppe. An der Wand hängt der großformatige „Aktsaal der Wiener Akademie“ von Martin Ferdinand Quadal, ein Salon voller bedeutungsschwer drapierter Künstlerattitüden und perückenbezopfter Eitelkeiten rund um das muskulöse Modell. Dieser steife akademische Ernst aus dem Jahr 1787 wird vom einzigen Rubens-Gemälde der Schau gleich vis-à-vis vergnüglich konterkariert. Da räkelt sich ein träumender Silen, ein schnapsnasigerr faltiger Alter. Keine Zierde seines Geschlechts, aber noch im trunkenen Schlaf lebendiger als die normierten Heroen der Klassizisten.

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