Kultur : Nacktgestalten

PANORAMA „The Notorious Bettie Page“, Mary Harrons Porträt der Erotik-Ikone

Nadine Lange

Auf der Wiese hinter dem Elternhaus beginnt ihre Karriere. Bettie Page posiert zusammen mit einer Freundin vor der Kamera eines Nachbarsjungen – bis der wütende Vater sie zu sich ruft. Bettie schämt sich kein bisschen. Schon in dieser kleinen Szene zeigt sie eine Mischung aus Sexyness und Naivität, die sie auch als spätere „Pin-up-Queen of the Universe“ auszeichnen wird.

Die kanadische Regisseurin Mary Harron („American Psycho“) konzentriert sich in ihrem sehenswerten Bio-Pic auf die fünfziger Jahre, in denen Bettie Page nach New York kommt und vom Foto- Club-Model zur ersten amerikanischen Sex-Ikone aufsteigt. Harron interessiert sich vor allem dafür, wie die junge Frau aus Nashville, Tennessee, ihre Tätigkeit als Bikini- und Bondage-Model mit ihrem tiefen Glauben vereinbaren kann. In einer Schlüsselszene stellt sie ein Fesselfoto nach, auf dem die geknebelte Page in einer Art Kreuzigungspose fixiert ist. Als der Fotograf sie vom Knebel befreit hat, sagt sie: „Ich glaube, dass Gott allen Menschen ein Talent gegeben hat, und meines ist es, für Fotos zu posieren“. Und: „Adam und Eva waren im Garten Eden auch nackt.“ Es ist die große darstellerische Leistung von Gretchen Mol, dass solche Sätze nicht lächerlich wirken. Man glaubt ihr, dass Bettie so die Widersprüche in ihrem Innern zumindest zeitweise versöhnen kann. Zudem gelingt es Mary Harron, die mit dem Valerie-Solanas-Porträt „I Shot Andy Warhol“ bereits ihr Talent für die Inszenierung extremer Frauenbiografien bewiesen hat, Bettie Page niemals wie ein Opfer ihrer Profession erscheinen zu lassen. Ihre Protagonistin ist stark und selbstbestimmt.

Auch visuell ist „The Notorious Bettie Page“ ein ambitionierter Film. Er mischt altmodisches Schwarzweiß mit Archivmaterial und wechselt gelegentlich in wunderbare Technicolor-Farben – etwa wenn Page nach Florida reist. Doch er driftet nicht in verklärende Fifties-Nostalgie ab. So zeigt er den Pornografie-Prozess in der Rahmenhandlung als eine absolut heuchlerische Angelegenheit und schlägt sich auf die Seite der angeklagten Filmemacher Irving und Paula Klaw (toll: Chris Bauer, Lili Taylor). Deren Filme und Bilder wirken heute harmlos und witzig. Man nimmt es Bettie Page ohne Weiteres ab, dass die Darstellerinnen beim Drehen die ganze Zeit gelacht haben. Von einem solchen Arbeitsklima können ihre Erbinnen in der heutigen Sexindustrie wohl nur träumen.

Heute 19 Uhr (Zoo-Palast), 17. 2., 11 Uhr (Cinemaxx 7), 18. 2., 17 Uhr (International)

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