Kultur : Nadel im Nacken

HARUKI MURAKAMI setzt seinen Mammutroman „1Q84“ fort. Was als verzögerte Liebesgeschichte begann, wird nun zur Hymne auf die Einsamkeit

Marianna Lieder

Für „Questionmark“ steht das „Q“ in Haruki Murakamis Mammutroman „1Q84“, für wundersame Zustände und unerhörte Begebenheiten im Tokio des Orwelljahrs 1984. Zwei Monde stehen am Nachthimmel, eine surreale Nachfolgeorganisation des Großen Bruders, die „little people“, treiben ihr Unwesen, und die Liebe kann Berge versetzen. Letzten Herbst sind die ersten zwei Teile dieses postmetaphysischen Märchens erschienen, über 1000 Seiten, deren Lektüre rätselhaft wenig Zeit in Anspruch nahm. Erstaunlich geheimnisfrei schien nur das anfängliche Erzählmanöver: Held und Heldin wechseln sich als Perspektivfiguren in den 2 mal 24 Kapiteln ab. Aomame zitiert jenen zeitgenössischen Typ Amazone, der in Mangas ebenso zu finden ist wie in konventionellen Thrillern. Als Stretchingexpertin stählt sie den eigenen und fremde Körper in luxuriösen Fitnessclubs, zudem zieht sie als überzeugte Auftragskillerin durch die Mega-City. Elegant erledigt sie Vergewaltiger und prügelnde Ehemänner. Ein wenig zerrt es dann aber an ihren Stahlnerven, als sie mit der Mission betraut wird, einem mächtigen Sektenguru, der kleine Mädchen vergewaltigt, ihre tödliche Nadel in den Nacken zu jagen.

Tengo hingegen hat den passiven Charme des typischen Murakami-Mannes: überdurchschnittlich intelligent, unterdurchschnittlich motiviert, durchschnittlich zufrieden mit einem Leben unterhalb seiner Möglichkeiten. Er verdingt sich als Teilzeit-Mathelehrer und als Aushilfsredakteur einer Literaturzeitschrift. Auch er erhält einen Auftrag – er soll das exzentrische Manuskript der 17-jährigen Schönheit Fuakeri zum Bestseller umschreiben. Tengo und Aomame sind knapp dreißig. Sie schlafen aus Gründen der Psychohygiene gelegentlich mit jemandem, sie haben sich zuletzt vor zwanzig Jahren gesehen, damals hielten sie im Klassenzimmer Händchen. Seither brennt wechselseitiges Sehnsuchtsfeuer.

Das Ganze ist zunächst eine unterhaltsame, virtuos ausbalancierte Mischung aus Kitsch und inszenierter Kälte mit Page-Turner-Effekt. Doch verlieh Murakami seiner Idee von der absoluten Liebe auch erzählerische Notwendigkeit: Während sich die Erzählstränge von Tengo und Aomame nach und nach vernetzen, stürzt das stereotype moralische Gerüst des Geschehens zusammen. Die manichäische Zweiteilung von Gut und Böse, Opfer und Täter wird abgelöst vom knallbunten Kaleidoskop der Fantastik. Bald ist nicht mehr sicher, wer hier wen vergewaltigt hat. Der allwissende Sektenguru empfängt seine Scharfrichterin Aomame regelrecht dankbar, weil sie ihm die Erlösung von den Heimsuchungen sexsüchtiger Clone in Teenagergestalt bringt. Während ihm die Nadel an den Nacken gesetzt wird, fällt seine angeblich von ihm vergewaltigte Tochter Fuakeri über Tengo her. Liebe ist hier nurmehr ein grandios überzeichnetes Welterlösungsphantasma. Nur dient sie nicht als Abwehrzauber gegen das Böse, sondern bringt ein Minimum an Ordnung ins Chaos.

Wochen vor der Veröffentlichung des dritten „1Q84“-Bandes wurde beim deutschen Verlag der Countdown gezählt. „Endlich: Tengo und Aomame kriegen sich“, heißt es auf der Dumont-Homepage. Diese Aussage grenzt – obgleich sich Held und Heldin am Schluss nun tatsächlich in den Armen liegen – an Irreführung. Denn während die ersten Teile zweifelsfrei als gelungene Liebesgeschichte durchgehen, handelt es sich bei der Fortsetzung um eine Hymne auf die Einsamkeit. Tengo und Aomame sehnen sich zwar weiterhin nacheinander, sind aber in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. Tengo sitzt die meiste Zeit am Bett seines komatösen Vaters und versucht, über seine Mutter Informationen zu erhalten, die der Vater hartnäckig für sich behielt. Um der Rache der Sekte und ihrer Gottheiten zu entgehen, hat sich Aomame nach der Ermordung des „Leaders“ in die Isolation ihrer Wohnung geflüchtet. Sie strukturiert den Tag mit Gymnastik, fettarmer Kost, dem Betrachten der zwei Monde und Meditationen über ihre mysteriöse Schwangerschaft.

In einem realistischen Romankosmos wären Aomame und Tengo klassische Außenseiter, für die alle Welt nur Unverständnis übrig hätte. Murakami hat diese Problemlage umgestülpt: Beide sind das einzig Normale in einer fantastisch-absurden Welt, die sich jedem rationalen Zugriff entzieht. Das aber ist in der Ausführung größtenteils missraten. Das eigentliche Liebesgefühl dieses Romans ist Murakamis blinde Verknalltheit in seine Hauptfiguren. Redundant und zermürbend ironiefrei hätschelt er sie bei der Nabelschau.

Langsam streben Tengo und Aomame ihrer Vereinigung entgegen. Ob sie damit nun die Welt vor der Apokalypse durch die „little People“ retten oder genau nach deren perfiden Plänen handeln, bleibt ungeklärt. Der Roman wenigstens wird durch eine dritte Figur vor der Verdammnis bewahrt: Der unansehnliche, aber gewitzte Ushikawa mischt sich ins Liebesduett. Als Söldner der Sekte hat er Tengo und Aomame bereits behelligt, jetzt muss er ihnen erneut hinterherspionieren, um seine Haut zu retten.

Ein wehmütig-parodistischer Erzählzauber entfaltet sich in den Ushikawa-Kapiteln. Murakami feiert hier die amerikanischen Hardboiled-Detectives mit dezenter Nostalgie. Ushikawa ist der wahre Held der Einsamkeit, der alle gegen sich hat – die Sekte, Tengo, Aomame, und schließlich opfert auch der Autor Ushikawa dem blutleeren Glück des Heldenpaares. Am Schluss wird die Möglichkeit angedeutet, dass der schnüffelnde Sonderling irgendwann wieder aufersteht. Ob es aber zu einem vierten Teil kommt, steht wie so vieles bei „1Q84“ in den Sternen, direkt neben den zwei Monden.

Haruki Murakami: 1Q84. Buch 3. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.

Dumont Verlag,

Köln 2011.

570 Seiten, 24 €.

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