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Nadine Gordimer : Kein Land wie dieses

02.12.2012 00:00 Uhrvon
Spiegelt das Politische im Privaten. Nadine Gordimer, Jahrgang 1923, erhielt 1991 den Literaturnobelpreis.Bild vergrößern
Spiegelt das Politische im Privaten. Nadine Gordimer, Jahrgang 1923, erhielt 1991 den Literaturnobelpreis. - Foto: Victor Dlamini/Berlin Verlag

Die Wurzeln des Kampfs: Nadine Gordimer ist die berühmteste Chronistin Südafrikas. In ihrem neuen Roman "Keine Zeit wie diese" geht es um Steve und Jabuleh, ein Paar, das seine Identität im Kampf gewonnen hat. Und es geht darum, wie Südafrika bis heute nicht zur Ruhe kommt.

ls im Sommer die Bilder der streikenden südafrikanischen Minenarbeiter um die Welt gingen, fühlte man sich an das Jahr 1976 und den Aufstand in Soweto erinnert, Symbol des Kampfes gegen die Apartheid. Nur dass es diesmal auch Schwarze waren, die auf Schwarze schossen, befehligt von einer schwarzen Mehrheitsregierung.

Südafrika, konstatierte Nadine Gordimer, die berühmteste Chronistin des Landes vor zwei Jahren, leide nach der Ära Mandela an einem „nationalen Kater“. Und im April diesen Jahres alarmierte sie in der „New York Review of Books“ die Öffentlichkeit über die von Jakob Zuma angekündigten Zensurmaßnahmen gegen Medienschaffende und Künstler.

Der seit Jahren unter Korruptionsverdacht stehende Präsident versucht, seine Kritiker mundtot zu machen.

Die Ernüchterung, die die Gesellschaft am Kap erfasst hat, schlägt sich leise auch in dem großen und wohl auch letzten Roman der Nobelpreisträgerin nieder, die vor wenigen Tagen ihren 89. Geburtstag feierte. Irgendwann, prophezeite sie schon vor drei Jahrzehnten, werde es in Südafrika nur ein Davor und ein Danach geben. „Keine Zeit wie diese“ umkreist wie schon ihr Roman „Niemand, der mit mir geht“ (1995) diese Zäsur: Was wird aus Menschen, deren Leben immer nur Ausnahmezustand und Kampf war, wenn sie in der Normalität eines mittelmäßigen Alltags ankommen? Für die alles, was ihre Gegenwart bestimmt, in der Vergangenheit passiert ist?

Auch Steve und Jabuleh haben ihre Identität im gemeinsamen Kampf entwickelt. Der aus der christlich-jüdischen Mittelschicht stammende Chemiestudent hat seine Fähigkeiten der Unkhonto we Swize, dem militärischen Arm des African National Congress, zur Verfügung gestellt. Jabu, die als bevorzugte Tochter eines schwarzen Schuldirektors in einer ländlichen Bergarbeitersiedlung aufgewachsen ist und in Swaziland studieren durfte, schließt sich ebenfalls der Guerillabewegung an.

Jahre nach der Befreiung findet sich das Paar, das mit seiner Heirat gegen die Rassengesetze verstoßen und nur geduldet gelebt hat, nun als Teil der „Bourgeoisie der Genossen“ in einem hübschen Häuschen in der Vorstadt wieder. Steve glaubt, seinem Land an der Universität besser nützen zu können als in der Industrie, Jabu studiert ein zweites Mal, Jura, und unterstützt als Anwältin die benachteiligten Schwarzen.

Aber auch wenn sich die beiden, zunächst mit der Tochter Sindi, später mit dem Nachkömmling Elias, einrichten, ihre beruflichen Ziele verfolgen und sich mit früheren Kombattanten und einst verfolgten Schwulen umgeben, können sie doch nicht die Augen vor der Realität in Johannesburg verschließen. Dort nehmen mit den Millionen aus Zimbabwe hereinströmenden Flüchtlingen – „sie sind nicht mehr unsere Brüder, sie sind Ausländer“ – die sozialen Spannungen in der schwarzen Bevölkerung zu und das Elend in den Slums. Die Bildungsdefizite der schwarzen Studierenden lassen sich kaum mehr verleugnen. Und als ob das Land nicht Probleme genug hätte, ist der charismatische Jakob Zuma im Begriff, den amtierenden Präsidenten Mbheki zu verdrängen. An seiner Person scheiden sich die Geister der vormals geschlossen agierenden Kämpfer: Soll man loyal zum ANC stehen oder sich in Stellung bringen gegen Misswirtschaft und Korruption?

Es gehört zweifellos zu Gordimers Stärken, große Politik in den Schicksalen ihrer Figuren zu spiegeln und psychologisch auszuloten. Mit dem Aufstieg in die schwarze Mittelschicht werden für Steve und Jabu die alten Ideale und Bindungen auf die Probe gestellt, jede noch so banale Entscheidung misst sich an den einstigen Zielen.

Wenn etwa der widerborstige Sohn in eine zwar rassisch gemischte, aber nach Geschlechtern separierte Eliteschule geschickt werden soll oder Steve und Jabuleh gegen jede Überzeugung an einer Bar-Mizwa teilnehmen, weil Steves Bruder plötzlich seine jüdische Herkunft entdeckt hat. Selbst eine Reise nach London birgt Gefahren, weil Steve Einblick in ein Leben erhält, das er als Weißer hätte führen können, „wenn es den Kampf nicht gegeben hätte“.

Als Steve sich mit dem Gedanken trägt, Südafrika den Rücken zu kehren und nach Australien auszuwandern, gerät das Paar in Turbulenzen, denn „er lässt nicht zurück, was sie, Jabuleh, zurücklässt“, nämlich südafrikanische Wurzeln, die tiefer reichen als die ihres Mannes. Und stehen die einstigen Kämpfer nicht auch in der Schuld einzulösen, was ihre Bewegung versprochen hat?

Das neue Südafrika in Gordimers doppelperspektivisch angelegtem und mit Rückblenden arbeitenden Roman ist so farbig wie Mandelas Regenbogennation. Besondere Dichte entwickelt er, wo Zwischenmenschliches, etwa die zarte Beziehung zwischen Jabu und ihrem Vater oder die innere Zerrissenheit des Paares, verhandelt wird. Der eher traditionelle, syntaktisch anspruchsvolle und gelegentlich auch strapaziöse Erzählgestus ist dabei kein Nachteil, wohl aber die ausschweifenden Kommentare, mit denen die Autorin nachträgt, was in der Geschichte an Fakten und Hintergründen nicht einzufangen ist. Und weshalb auch in der deutschen Ausgabe mehrfach „das klandestine Zusammenleben“ des „klandestinen Paares“ in der „Klandestinität von Glengrove Place“ beteuert werden muss, bleibt das Geheimnis der Übersetzerin Barbara Schaden.

Doch eine solch kleinliche Mäkelei an verunglückten Bildern und Sätzen verbietet sich eigentlich angesichts einer literarisch-chronistischen Klarsicht und Unbestechlichkeit, die auch jetzt, wo Südafrika neuen Gefährdungen ausgesetzt ist, nicht nachlassen.

Nadine Gordimer hat diesen weit gespannten Roman übrigens ihrem Mann Reinhold Cassirer gewidmet, der nach der Flucht aus Deutschland am Kap ein zweites Leben fand. Im selben Moment, in dem sie einen Exodus beschwört, erinnert sie also an das Exilland Südafrika.

Nadine Gordimer: Keine Zeit wie diese. Roman. Aus dem

Englischen von

Barbara Schaden.

Berlin Verlag, 2012.

506 Seiten, 19,90 €.

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