Nadja Klinger: "High Fossility" : Wem kein Gesang gegeben

Der Sound des Lebens: Nadja Klinger porträtiert in ihrem neuen Buch "High Fossility" einen Popchor für Ältere.

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Am Anfang ist es nur eine spontane Idee. Im Treppenhaus nimmt sich Birgit ein Herz und spricht den sehr viel jüngeren Michael mit ihrer Idee an. Eine Anzeige lockt andere aus ihren Wohnzimmern. Irgendwann sind es 51 Frauen und 13 Männer, die, von Michael geleitet, zusammen singen. Keine geistlichen Choräle, keine Heimatlieder, sondern die Musik ihrer Jugend: Pop.

Ein Jahr lang hat die Berliner Autorin Nadja Klinger, die zuletzt ein Buch über eine Alpenüberquerung schrieb, als teilnehmende Beobachterin die „High Fossilitys“ begleitet. Jeden Donnerstagnachmittag trifft man sich in einer Musikschule in Neukölln, kämpft mit der Musik, der Stimme, dem Alter. Einige bringen Erfahrung mit, haben in Bands gespielt oder in Chören gesungen, manche haben eine Stimme, die sich „an andere anlehnen muss“, und bei wieder anderen steht am Ende die Erkenntnis: „Ich kann gar nicht singen.“

Doch darum geht es bei dieser „Sechzig-plus-Gemeinschaft“ auch gar nicht: Man kommt, um der Einsamkeit zu entkommen und eine Herausforderung anzunehmen: sich auszustellen, obwohl man dem gängigen Jugendidol nicht mehr entspricht. Die Altrockerin, der ehemalige Stahlarbeiter, die Frau, die einst Paul McCartney beeindruckte, oder der Mann, der einmal polizeiliche Sondereinsatzkommandos befehligte: Sie alle verbinden mit „We will rock you“ oder „Stand by me“ ihre ganz persönliche Geschichte, die weit zurückreicht in die Kriegs- und Nachkriegszeit. Klinger flicht sie federleicht, bildstark und sensibel für Zwischentöne in die Erzählung über den Choralltag ein.

Sie „sind auf dem Weg“, und er führt den Chor sogar ins Tonstudio, was zu einer Zerreißprobe wird. Die Gruppe muss feststellen, dass Menschen über 60 keine amorphe Masse sind, sondern sich nie so sehr unterscheiden wie in diesem Lebensalter. Aber auch dass „with a little help of my friends“ vieles geht.

Foto: Rowohlt Berlin
Foto: Rowohlt Berlin

Die 1965 geborene Autorin wiederum, die in Leipzig Journalistik studierte, hat in diesem Jahr den „Abstand zwischen mir und dem Altsein“ ausgemessen. Indem sie in dieser Zeit darauf verzichtet, sich selbst „klingen zu hören“, hat sie diesem Chor eine besondere Stimme gegeben. Eine, die schreibt und schweigt.

Nadja Klinger: High Fossility. Der Sound des Lebens. Rowohlt Berlin 2014. 236 Seiten, 18,95 €.

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