Kultur : Nächster Halt Rioja

Rüdiger Schaper

Jedem Land seine Helden. Spanien hat Almodóvar. Deutschland hat Castorf. Der eine schwelgt mit seinen Filmen im Theaterfummelfundus, der andere geht wie ein Kleptomane ins Kino und inszeniert keinen Theaterabend mehr ohne Videos. In Madrid, als die Berliner Volksbühne jetzt beim Festival Otoño gastierte, sind sich die beiden Regisseure begegnet. Nicht in persona, aber an der "Endstation" von Tennessee Williams, auf der Bühne. Weil "Endstation Sehnsucht" auch in Almodóvars Melodram "Alles über meine Mutter" im Zentrum der Familienmythologie steht. Weil man bei Castorf wie bei Almodóvar kapiert, dass Kunst von Chaos kommt. Und von Hysterie. Und Frauen.

In den Biografien gibt es Parallelen, die ein bisschen mehr als zufällig sind; Schlangenlinien europäischer Kultur und ihrer amerikanischen Luftwurzeln. Beide sind 50 Jahre jung und alt, und was für Pedro Almodóvar die Franco-Diktatur war, war für Frank Castorf der produktive Mief der DDR: eine Schule der Leiden und der Fantasie. In den Siebzigern schlug sich Almodóvar als Flohmarktverkäufer auf dem Rastro durch, just vor der Haustür des Teatro Pavon, das Jahrzehnte geschlossen war und mit dem Gastspiel der Volksbühne wiedereröffnet wurde.

Madrid hat kaum mehr brauchbares zeitgenössisches Theater, meint Festivalleiter Ariel Goldenberg. Die Berliner "Endstation" wurde zum Gesprächsstoff. Vielleicht ein Signal zum Aufbruch, olé! Seltsamerweise scheinen Theater- und Filmkultur einander auszuschließen. Man hat das eine - und das andere nicht. In Spanien, so Goldenberg, der im Hauptberuf das Pariser Théâtre Chaillot leitet und auch schon mal als Leiter des Berliner Ensembles im Gespräch war, verhielten sich Thaterkritik und Publikum äußerst konservativ - da haut auch ein vergleichsweise ruhiger Castorf mächtig rein.

"Endstation Amerika" hatte vor anderthalb Jahren in Salzburg Premiere - damals hieß es noch original "Endstation Sehnsucht". Ein Frankfurter Kritiker fand den Umgang mit dem berühmten Theater- und Filmstoff ungehörig und petzte bei den Erben des Dramatikers. Die erzwungene Umbenennung von "Sehnsucht" nach "Amerika" hat Ruhm und Reiz der Aufführung sehr befördert. Es gab Gastspiele in Rom, Paris und Helsinki, im nächsten Jahr soll es nach Québec gehen. Die internationalen Veranstalter reizt der Titel. Und der Ruf der Volksbühne als Botschafterin Berlins wächst.

Das Ende des Traums

Es ist, kurios, das Stück dieser Zeit. "Endstation Amerika", einfacher und deutlicher kann man es nicht sagen. Ein bumsfideler, alberner, gelegentlicher brutaler Endzeit-Boulevard, der weniger von Fremdenfeindlichkeit als von der Fremdheit im eigenen Land erzählt, von Emigranten wie dem berühmten T-Shirt-Torero Stanley Kowalski, der hier mal nicht von Marlon Brando, sondern von Henry Hübchen gespielt wird und dem Frank Castorf eine Vergangenheit als Solidarnosc-Aktivist auf die verschwitzten Schultern legt. Das Leben geht weiter, aber erst einmal muss vieles zu Ende gehen in Europa und Amerika.

Der schwule amerikanische Dramatiker hat sich Mitte der vierziger Jahre selbst portraitiert mit dem traumverlorenen, gründlich desorientierten, alkoholischen Dämchen Blanche Du Bois. Eine Glanzrolle für Silvia Rieger, schon in legendären Ost-Zeiten Castorfs Protagonistin. Wandert man durch den Prado, zur Ausstellung "Goya und die Frauen", fällt einem auch noch einmal auf, dass Castorf ein obsessiver Frauen-Regisseur ist; von Almodóvar zu schweigen. Silvia Rieger, Kathi Angerer, Brigitte Cuvelier: ein nettes Trio infernal. Und die Herren Hübchen, Schütz, Hinrichs am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Zwischen Tapas und Tennessee, zwischen Routine und Tournee-Aufregung, zwischen Stockholm, wo Castorf gerade "Flucht" von Bulgakow inszeniert, und einem neuen Schlingensief-Aufreger, der im Dezember am Rosa-Luxemburg-Platz herauskommt, wirkt die Volksbühnen-"Endstation" plötzlich klassisch. Formschön und rhythmisch ausbalanciert und wiederum so porös, dass die Inszenierung vom Sommer 2000 Nachwelt aufsaugen, kommentieren kann.

"Endstation Amerika": Viele Tage vor dem 11. September stand Bernhard Schütz, der sympathische Berserker mit dem guten Herzen, auf dem Dach der Kowalski-Wohnung und brüllte eine eklige Punk-Version von "Bye, bye, Miss American Pie". Bert Neumanns Hebe-Bühne kippt nach hinten, den ganzen white trash in einen großen Müllschlucker, und man darf nicht vergessen, dass die Aufführung unter einem von Diedrich Diederichsen geprägten Motto läuft: "Kapitalismus und Depression."

Eine feste Burg ist unsere Volksbühne. OST steht in dicken Lettern drauf, und die spanischen Journalisten wollten wissen, wie viel Piscator und Besson noch drin ist. Auch das Berliner Ensemble gastierte in diesem Jahr beim madrilenischen Herbst-Festival und feierte einen Riesenerfolg mit Martin Wuttke in Tom Peuckerts Hitler / Artaud-Monolog; da wurde nach Brechtschen Spurenelementen gesucht. Nun, Wuttke hat längst auf dem Volksbühnendampfer angeheuert und gehört zu Castorfs Russen-Mafia: ein Hauptspieler in den "Dämonen" wie den "Erniedrigten und Beleidigten".

Wodka! Viel!

Jedem Land seine Helden. Castorf fühlt sich, wie er beim Rioja sagt, immer "westlicher", deshalb wohl inszenierte er zuletzt als Gegengift philosophische Fünf-Stunden-Abende, alles über meinen Dostojewski. 2002 wird es wieder Bulgakow geben - "Der Meister und Margarita", eine Koproduktion der Volksbühne mit den Wiener Festwochen. Für ehemalige Ostdeutsche fast mehr noch als für Westler ist amerikanisches Kulturgut essenziell. US-Kino natürlich: Tarantino! Ausgangspunkt wie Endstation.

Welt-Theater in einer Welt, in der weder Marx noch Coca-Cola mehr so richtig funktioniert: Unter der spanischen Übertitelung berlinerten da herzallerliebst unsere Volksbühnen-Vertreter, die getürkte Polen in einem fiktiven Amerika spielen, das in Marzahn liegt. "Wodka! Viel!", verlangt Henry Kowalski und greift zur Gitarre. Wie sich dieses krawallige Familien-Theater im Grunde nach Harmonie verzehrt. Das ist noch Dialektik. Und das spricht aus unser aller Herzen. Diese Sehnsucht nach einer Endstation mit Schrecken ...

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