Kultur : Nächstes Jahr in Gammesfeld

Sparen mit der kleinsten Bank Deutschlands: der Dokumentarfilm „Schotter wie Heu“

Silvia Hallensleben

Spätestens zur Saure-Gurken-Zeit ist Gammesfeld immer wieder für ein Quentchen Medienaufmerksamkeit reif. Das beschauliche Dorf im nordbadischen Hohenlohe beherbergt nicht nur die kleinste Bank Deutschlands, die ihre paar hundert Kunden in seliger Autarkie von Dax und Wallstreet mit Zinssätzen verwöhnt, die anderswo auserwählten Großkunden vorbehalten sind. Die dortige Filiale der Raiffeisenbank wird auch noch von einem Mann geführt, der jeder Reportage den Duft des Skurrilen verleiht. Fritz Vogt ist ein überzeugter Feind moderner Geschäfts- und Bürotechniken: Nicht einmal ein Faxgerät kommt ihm in die heilige Schalterhalle. „Ein Computer hat seine Vorteile – in der Raumfahrt,“ sagt Vogt. Doch Kapitalismuskritik führt schnell zu Sozialkontrolle und schwäbischem Spar-Fundamentalismus: Wer zweimal die Woche zum Geldabheben kommt, gilt bei Vogt schon als Asozialer.

Als die Filmemacherin Siegrun Köhler – selbst eine Hohenloherin – zum ersten Mal von Fritz Vogt und seiner Bank hörte, war sie auf die Geschichte nicht wirklich scharf und wollte ihren nächsten Film lieber in fernen Ländern drehen. Doch dann ist sie gemeinsam mit Co-Regisseurin Wiltrud Baier hingefahren nach Gammesfeld, an einem kalten Januartag. Und bald entstand der Plan, der Abwechslung halber einmal nicht nur die Bank sondern das ganze Dorf in Augenschein zu nehmen. Dummerweise hatten die Dörfler nach dem Besuch Dutzender von Filmteams keine große Lust mehr auf Kameras und ließen Köhler und Baier im Herbstregen stehen. Und so ist es nur der Zähigkeit der Filmemacherinnen einerseits und den letzendlich guten Herzen der Gammesfelder zu danken, dass es diesen Film denoch gibt.

Die beiden blieben einfach so lange, bis die Dorfbewohner an sie gewöhnt waren – und wohl auch Mitleid mit den frierenden jungen Frauen bekamen. Ob ihre Weiblichkeit dabei hilfreich oder hinderlich war, ist schwer zu sagen: Sehr bewusst wahrgenommen wurde sie von den Dörflern auf jeden Fall. Schweinezüchter Dürr etwa nutzt jede Gelegenheit zu einem kleinen Flirt. Dürr ist das spätindustrielle Gegenstück zu Vogt. Von Ökologie hält er wenig; seine Schweinemastanlage hat er mit einer computergesteuerten Lüftungsautomatik ausgerüstet. „Für ein modernes Schwein“, sagt er, ist das artgerecht: das Beste, um zu wachsen und Geld zu bringen.“

Drumherum: Sportplatz und Feuerwehr, Kirmes und Polterabend. Der Jugoslawe, der seit Jahrzehnten im Schotterwerk schafft. Elf Selbstmörder in 30 Jahren. Und ein brisantes Müllentsorgungsprojekt, das die Gemeinde spaltet und deshalb von den Filmemacherinnen verschwiegen werden soll. Ganz halten die sich nicht an diesen Wunsch, aber völlig ignorieren können sie ihn auch nicht.

Und auch sonst sind dem Film die mühsamen Umstände seiner Entstehung mitunter deutlich anzusehen. Allerdings lässt sich das gut und gerne als Authentizitätseffekt abbuchen. Dem dokumentarischen Reiz dieses freundlichen Einblicks in ein Restbiotop deutscher Provinz tut es jedenfalls keinen Abbruch. Und wer weiß, wie es in Gammesfeld bald aussehen mag: Fritz Vogt ist jetzt siebzig Jahre alt, ein Nachfolger nicht in Sicht. Und vielleicht wird die Müllanlage ja doch noch gebaut.

In Berlin im Kino Hackesche Höfe

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