Kultur : Nächtliche Ruhestörungen

Jugend meditiert: Halbzeit beim Berliner Young Euro Classic Festival

Frederik Hanssen

Dirigieren ist wie Kochen: Es geht darum, mit einer begrenzten Anzahl von Zutaten die klassischen Rezepte neu zu interpretieren. Die Herausforderung für den jeweiligen Chef liegt darin, seine Mannschaft so anzuleiten, dass der nötige Absolutismus nicht als Frondienst empfunden wird.

Obwohl es sich beim Berliner Young Euro Classic Festival im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ja eigentlich um ein Jugendorchestertreffen handelt, lernt man als Zuhörer am meisten über das Dirigentenhandwerk. Mit einem Nachwuchsensemble Partituren einzustudieren, ist zugleich die leichteste und die schwerste Aufgabe für einen Kapellmeister: Die jungen Musiker sind offen für alle Deutungen. Dafür aber muss der Maestro bei jedem Stück mehr oder weniger bei null anfangen, eben weil seinen Schützlingen die Erfahrung fehlt. Stanislaw Rybarczyk, Gründer und Chefdirigent der Jungen Deutsch-Polnischen Philharmonie, macht in diesem Sinne alles richtig: Er hat Werke ausgewählt, die den Jugendlichen sichtbar Spaß machen, und er hilft den Instrumentalisten mit präzisen, sprechenden Handbewegungen auf ihrem Weg durch die Partituren. Die fromme Meditationsmusik von Henryk Goreckis dritter Sinfonie ist wahrlich nicht jedermanns Sache – Pubertierenden jedoch erschließt sich deren introvertierte Melancholie sofort. Und so bringen sie die Konzentration für das In-sich-Kreisende dieser Musik leichter auf als mancher Zuhörer im Saal.

Noch einen Schritt weiter zurück, zur kindlichen Lust am Krachmachen, gehen Grazyna Pstrokonska-Nawratil und Wojciech Kilar: In den sauber geklöppelten Stimmungsbildern der 1947 geborenen Komponistin darf Schlagzeugsolist Bartlomiej Dudek das ganze Perkussionsrepertoire betrommeln – und wird dafür heftig gefeiert. In Kilians kraftvoll ausschreitender Tondichtung übers Bergsteigen wird das gesamte Orchester zur Freejazz-Krachmach-Maschine. Sinfonisches „Pomp, Duck and Circumstance“ ist das – und macht um vieles mehr Freude als beispielsweise die eher schlampig zubereitete „Pathétique“ des Dirigenten Alexandré Sladkowski.

Der Maestro erweist sich hier als Effekthascher, bleibt fad, wo es auf sensibel abgeschmeckte Nuancen ankäme, und lässt das spieltechnisch hochklassige Orchester der St. Petersburger Musikschule in den Tuttipassagen von der Leine. Was dieses sofort nutzt, um eine Lautstärke zu entwickeln, bei der der Putz von den Konzerthauswänden zu platzen droht.

Ungeschickt gewählt ist Prokofjews dritte Sinfonie, die neben einem ungeduldig auf der Stelle tretenden Doppelklavierkonzert von Victor Ekimowski den russischen Abend komplettiert. Diese monochrome Musik ist für Nachwuchsorchester absolut ungeeignet: Wer das klangliche Farbspektrum gerade erst entdeckt, dem wird sich das Raffinement dieser mal polierten, mal matt gebürsteten Partituroberfläche kaum erschließen.

Gleiches gilt für Schostakowitschs herbe „Zehnte“ beim Konzert des National Youth Orchestra of Scotland. Doch Takuo Yuasa disqualifiziert sich schon mit dem Eingangsstück: Wer derartig gnadenlos durch Glinkas „Ruslan und Ludmila“-Ouvertüre hetzt, hat seinen Job gründlich missverstanden. Kein erklärendes Wort scheint der Japaner auch übers Begleiten von Instrumentalkonzerten verloren zu haben, über die Kunst, mit dem Solisten zu atmen. Glücklicherweise ignoriert Quirine Viersen in Elgars Cellokonzert einfach den matschigen Klangbrei in ihrem Rücken und zeigt als monologisierende Erzählerin Charakter. Ein guter Koch täte das Gleiche. Ehe der sich von einem ignoranten Chef unters Joch zwingen lässt, macht er sich lieber selbstständig.

Bis zum 26. August im Konzerthaus. Infos unter: www.young-euro-classic.de

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