Kultur : Näher, mein Goethe, zu dir

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki erhält in der Paulskirche den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main

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Von Ulrich Rüdenauer

Zwischen der medialen Figur, dem schreibenden Kritiker, dem Talkmaster, dem Buchautor mit Millionenauflage, dem Werbeträger und der leibhaftigen Gestalt Marcel Reich-Ranicki scheint absolute Identität zu herrschen. Der Wechsel der Plattformen ändert nichts an seiner emphatischen Präsenz. Seine – je nach Lesart – simplen oder klaren Urteile weiß er mit solcher Verve vorzutragen, dass selbst berechtigter Widerspruch schon im Ansatz scheitern muss. Er unterlegt seine verbalen Akte mit einem Gestus der Unbeirrbarkeit und untermauert sie mit jenem berühmten Rudern der Arme. Marcel Reich-Ranicki ist eine Marke für sich: Die Grenzen seines Genres hat er längst überschritten, seine Popularität öffnet ihm sogar Türen zu Wohnzimmern, in denen ansonsten die leichtere Muse und Rosamunde Pilcher-Verfilmungen zu Hause sind.

Man darf diesen Crossover im Sinne der Leseförderung durchaus gut heißen; der Buchhandel beklagt nicht umsonst die Leerstelle, die durch das Ende des „Literarischen Quartetts“ entstanden ist. Böse formuliert, ist das der Sieg des Sekundären über das Primäre: Reich-Ranicki ist als Kritiker berühmter als viele der Autoren, die er bespricht. Nun wurde sein Ruhm noch weiter gemehrt.

Am Mittwoch erhielt der Starkritiker in der Paulskirche den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt – aus den Händen von Oberbürgermeisterin Petra Roth. Die Auszeichnung, die vor ihm Größen wie Sigmund Freud oder Thomas Mann entgegennehmen durften, wird seit 1927 an Goethes Geburtstag für ein bedeutsames Lebenswerk verliehen. Sogar einen erfolgsverwöhnten Großkritiker lässt so ein Ereignis nicht kalt: „Das also darf ich noch erleben“, beginnt er mit einigem Pathos seine Dankesrede. Und mit Seitenblick auf Freud, der nach der Preisverleihung 1930 vom „Höhepunkt meines bürgerlichen Lebens“ schrieb, bezeichnet der 82-jährige Reich-Ranicki die Ehrung als „Höhepunkt meines Lebens“. Und: „Ein helleres, ein strahlenderes Licht kann auf mein Dasein nicht mehr fallen.“ So etwas lässt sich mit Geld nicht aufwiegen. Weshalb er die 50000 Euro auch an das Frankfurter Musikprojekt „Haus der Chöre“ spendet.

Die literarische Öffentlichkeit und nicht nur diese ist in der Paulskirche reichlich versammelt. Der eine oder andere erwartete vielleicht eine Fortsetzung des Walser-Reich-Ranicki-Scharmützels an historischem Ort – vor vier Jahren stand Martin Walser am Rednerpult und hielt seine berüchtigte Friedenspreis-Rede. Reich-Ranicki hatte bereits Anfang der Woche den Medien neue Nahrung verabreicht und in einem Interview verlautbart, Walsers „Tod eines Kritikers“, die Abrechnung eines gekränkten Autors mit MRR, habe „kräftig“ dazu beigetragen, dass latenter Antisemitismus in der Bevölkerung offener zu Tage trete. In seiner Rede gibt es auch keine Replik auf die am gleichen Tag erschienenen Angriffe der „Süddeutschen Zeitung“, die ihm vorwirft, immer mehr zum Anwalt des „vermeintlich gesunden Lebens“ wider die „vermeintlich kranken Künstler“ zu werden. Am vergangenen Wochenende hatte Reich-Ranicki Robert Musils Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ in einem Vorabdruck aus seinem neuen Buch „Sieben Wegbereiter“ als völlig misslungen abqualifiziert.

In der Paulskirche herrscht Harmonie. Nicht von einem „skandalösen Sommer“ soll die Rede sein, sondern von einem „arbeitsreichen Leben“, so Laudator Peter von Matt. Der Zürcher Literaturwissenschaftler und Kritiker stellt somit die Weichen zu einer charmant-kurzweiligen Würdigung und zeichnet den Geehrten als einen Mann, der Goethes höchste Lebensregel mit eminenter Folgerichtigkeit erfüllt habe: „die unablässige Tätigkeit“. Die Einzigartigkeit Reich-Ranickis beruhe darauf, „dass die Deutlichkeit seiner kritischen Stimme, sein Witz, sein scharfes Auge und seine Lust, lauthals zu rühmen und zu tadeln, zusammengehen mit einer enormen Produktivität in vielen Sparten“. Das Schmunzeln hält an, als Peter von Matt doch noch dezent auf das häufig gestörte Verhältnis zwischen Autor und Kritiker eingeht. Man weiß zwar, was und wer gemeint ist, aber der Diskurs spielt sich unverfänglich auf einer Meta-Ebene ab.

Dann der Auftritt des Meisters: In seiner Dankesrede gesteht Reich-Ranicki zunächst seine etwas verunglückte Annäherung an Goethe. Mit den Lesebuch-Gedichten habe der Gymnasiast nicht viel anzufangen gewusst, zu aufdringlich sei ihm die darin enthaltene Pädagogik erschienen. Erst als ihm kürzere Gedichte in die Hände fielen und ihm die Goethesche Pflanzen-Metaphorik als ein weites Blumen-Feld der Erotik aufging, konnte sich MRR mit dem Geheimen Rat anfreunden. Schließlich kommt MRR auf den „Faust“ zu sprechen. Wer seine Werther-Exegese im letzten „Literarischen Quartett“ in Erinnerung hat, kann ermessen, was mit großer Geste folgt: eine schwungvolle, engagierte, etwas ausufernde und im Themenkreis des Sexuellen verharrende Deutung der Tragödie, welche in die These von Goethes Angst vor der Liebe mündete. „Liebe ist in Goethes Dichtung ein Spiel, ein Spiel wie die Literatur. Und die Literatur ist eine zarte und gewaltige Passion wie die Liebe.“

Mit diesem Zirkel werden die Gäste heiter in den Sommerabend entlassen. Auch hier funktioniert die One-Man-Show Reich-Ranicki ausgezeichnet. Es gibt wahrlich schlechtere Entertainer.

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