Kultur : Näher, mein Gott

Ulrich Seidls Dokumentarfilm über das Beten

Kerstin Decker

Menschen in der Kirche. Keine unbedingt spektakuläre Versuchsanordnung. Ulrich Seidl kommt beinahe den ganzen Film über nicht aus der Kirche heraus. Er schaut sich auch nicht groß um im Gotteshaus. Also Blick schräg nach oben aufs Kruzifix – und schon ist die Einstellung da, die die Bilder von „Jesus, du weißt“ prägen wird. Es ist die Haltung, in der Menschen seit Jahrtausenden ihrem Gott begegnen. Demut. Aber was sagen sie, wenn sie vor dem Kruzifix knien? Was sagt die pensionierte Chemielehrerin, deren Mann fremdgeht? Was sagt der Junge, der viel lieber in der Messe ist als sein Zimmer aufzuräumen? Und was betet die Hausfrau, in deren Wohnung sich drei feindliche Fernseher befinden?

Der Österreicher Ulrich Seidl hat das Talent, Menschen bis in ihr Intimstes zu verfolgen, und sie geben es vor seiner Kamera preis. Das ist quälend und komisch zugleich. Es ist blanker Voyeurismus – und ist doch kein Voyeurismus. Schon die Gespräche von Menschen mit ihren Haustieren waren intim („Tierische Liebe“). Aber noch intimer sind wohl die Gespräche, die der Mensch mit seinem Gott führt. Jedenfalls glauben das auch religiös begabte Nichtbeter seit Martin Luther und den großen Mystikern. Und dann knien in „Jesus, du weißt“ Männer und Frauen vor einem Kruzifix, und sie sagen: „Dank dir, Jesus, der du diesen Tag für mich gemacht hast. Dass ich fröhlich bin, gerade jetzt, wo ich Beziehungsprobleme habe.“ Und immer so weiter. Gestanzte Soziologiesprache. Dass das Intimste so trivial, so alltäglich sein kann.

Eine Hausfrau beginnt: „Jesus, du weißt, was mich besonders bedrückt, das Fernsehprogramm ... Ich bin umgeben von drei Fernsehern.“ Aber das ist nicht Comedy, das ist die Lebensnot einer Frau, die das deutliche Gefühl hat, dass Jesus ein starkes Befremden angesichts unserer TV-Programme überkommen würde. Und sie ist mit einem Anders-Frommen verheiratet, mit einem inzwischen invaliden Moslem, der den ganzen Tag die Fernbedienung nicht aus der Hand legt. Und dem seine Mitmuslime suggeriert haben, dass seine Krankheit wohl ein Fluch ist: die Strafe Gottes dafür, dass er eine Christin geheiratet hat. Das Lachen und der Schrecken liegen in Seidls Filmen immer ganz nah beieinander, ja, sie fallen zusammen.

Vor allem aber wundert man sich. Man wundert sich darüber, dass Erwachsene die Seelen von Kindern in sich tragen und nicht die Spur eines Zweifels daran hegen, dass sich der Weltgrund persönlich für alle Details ihres Alltags interessiert. Natürlich, die Ansprechbarkeit Gottes für jeden Einzelnen war das Erfolgsrezept des Christentums. Die alten Philosophen haben gelacht über diesen Gott eines Wüstenvolks, aus dem schließlich der christliche Gott geworden ist. Nicht, dass Gott den Menschen schuf nach seinem Bilde, ist erstaunlich, sondern dass – bis heute – die Menschen so verwegen sind, Gott nach ihrem Bild zu schaffen. Und das heißt eben: ansprechbar, anrufbar.

„Jesus, du weißt, die Oma ist so enttäuscht worden ...“

In Berlin in den Kinos Eiszeit und Hackesche Höfe

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