Kultur : Näher, mein Schiff, zu dir

Günther Grack

Ein einsamer Rettungsring hängt am Eisernen Vorhang des Theaters am Schiffbauerdamm. Das Berliner Ensemble kann sich mit diesem einzigen Requisit begnügen, um den legendären Schiffbruch zu illustrieren, der im April 1912 im Atlantik mehr als eintausendfünfhundert Menschenleben gefordert hat. Der Untergang der Titanic, Menetekel für eine von Fortschrittsglauben und Geldgier beflügelte Hybris, die statt ins Paradies in die Apokalypse führt - eine Herausforderung auch an die künstlerische Vorstellungskraft. Was da filmisch zu machen ist, weiß alle Welt seit James Camerons Monumentalwerk, das mit seinem glücklich-unglücklichen Liebespaar, am Bug des Luxusliners stehend gleich Fleisch gewordenen Galionsfiguren, die Herzen erobert hat. Wie der Stoff musikalisch zu bewältigen ist, weiß man zumindest in Berlin, nämlich seit Wilhelm Dieter Siebert 1979 die ganze Deutsche Oper samt Foyers, Innenhof und benachbartem U-Bahn-Eingang seinem tönenden Spektakulum unterwarf.

Und literarisch? "Was bleibt übrig?", fragt George Tabori. "Das nächste Jahrhundert wird zeigen, ob uns die falschen Bilder begleiten oder die wahren Worte des Dichters", kommentiert der große alte Theatermann die szenische Lesung, zu der er Hans Magnus Enzensbergers Versepos "Der Untergang der Titanic" eingerichtet hat. Als Buch 1978 veröffentlicht, ist diese so genannte "Komödie" eine Collage aus 33 Gesängen und 16 lyrischen Intermezzi - ein literarisches Gesamtkunstwerk, das sein Thema aus wechselnden Perspektiven einkreist, poetisch, politisch-philosophisch und nicht zuletzt aus des Autors selbstironischer Distanz. 1969 in Havanna begonnen, 1977 in Berlin beendet, lässt das Werk hinter der kapitalismuskritischen Metapher vom Schiffsuntergang die Hoffnung auf ein besseres Leben im Sozialismus, etwa unter dem revolutionären Regime Fidel Castros, aufscheinen und auch wieder in Frage stellen - "was Cuba damit zu schaffen habe", heißt es angriffslustig in einem Streitgespräch im 15. Gesang, im Zentrum des Buches.

Eine Frage, die an diesem Leseabend beim Premierenpublikum prompt beifälliges Gelächter hervorruft. In der Tat haben die autobiographischen Details des Textes mit der Zeit an Interesse verloren, sind denn auch in Taboris Fassung reduziert. Was übrig blieb, trägt der Dramaturg Hermann Beil, das Buch in der Hand, in einer Art altersweiser Gelassenheit vor. Neben ihm sitzen drei Damen und drei Herren des Berliner Ensembles an Notenpulten für die lyrische Partitur, abendlich-festlich gekleidet, als wären sie Passagiere der Titanic. Auch wenn die einzelnen Passagen dieser "Komödie" keinen Dialog ergeben, wenden sie sich wechselseitig aneinander zu, finden gelegentlich zu einem Chor zusammen ("Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern"), und das makaber komische Gedicht "Innere Sicherheit", das Veit Schubert, im Kampf mit einem Sargdeckel, effektvoll artikuliert, läuft auf ein kollektives Resümee hinaus: "Pflupp!" Die deftige Ballade von dem schwarzen Heizer, der mit seinem Hinweis, ihm schwimme im Kesselraum der Suppenteller weg, beim Kapitän kein Gehör findet, bringt dem lautstark röhrenden Matthias Brenner Szenenapplaus ein. Fein abgetönt dagegen der Sprechgesang, mit dem Ursula Höpfner "weitere Gründe dafür, dass die Dichter lügen" vorträgt.

"Witz und Wut" rühmt Tabori dem Werk nach. Seine sarkastisch schillernde Performance unter dem einsamen Rettungsring mündet in den finalen Choral "Näher, mein Gott, zu Dir", dem Hermann Beil, der Spiritus Rector, nur ein Wort hinzufügen kann: ein trockenes "Amen".

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