Kultur : Nagelschau

Katharina Narbutovic

Nägel halten die Welt zusammen; unsichtbar stecken sie in den Bauwerken und täuschen Schöpfungswunder vor. Im Unterschied zum Nagel werden Schrauben in das Holz hineingedreht Sie wurden erdacht, um das Getöse auf den Kirchenbaustellen Europas zu dämpfen. Schloss und Schlüssel wiederum treten als Paar auf. Das Schloss lässt den Menschen vor einer Schwelle innehalten, der Schlüssel öffnet die Tür und stößt sie zu Neuem auf: Solcher Art sind die Geschichten vom Wesen der Eisenwaren, wie man sie sich Ende des 19. Jahrhunderts erzählt haben könnte. Das Zeitalter der Industrialisierung wurde für Europa bestimmend, und Maschinen und Fabriken veränderten das Leben der Menschen. Eisenarchitektur, Verkehrstechnik und allgemeiner Fortschritt legten den Gedanken an die "Machbarkeit der Welt" nahe. Diese Geschichte von den Anfängen des Fortschritts ist es, die der Italiener Ernesto Franco, Jahrgang 1956, mit seinem Roman "Fünf Knöpfe aus Seide" erzählt.

Gio Magnasco heißt sein Pionier, 1865 in Turin geboren, 1925 in Genua gestorben, ein begnadeter Erfinder und Inhaber der größten italienischen Eisenwarenhandlung seiner Zeit. Mit zehn Jahren läuft er von zu Hause fort. Mit 20 fängt er auf der Perrone-Werft in Genua an, arbeitet am Bau des Ozeandampfers Pricipessa Mafalda mit, erfindet "für die Arbeiter an den Bordwänden die endlose Schiene, Aufzugswinden für die Stellinge der Maler, Schwimmringe für die Kräne" und revolutioniert nebenbei die gängigen Schiffsbaumethoden. Mit 26 verlegt er in Argentinien Schienen für die Eisenbahnstrecke nach Patagonien. Zurück in Genua, eröffnet er ein Geschäft für Eisen- und Kurzwaren, träumt von der Reedertochter Marta Perrone, heiratet Gina Gigli und erfindet fortan mit seiner Frau um die Wette. Zu guter Letzt trägt Gio Magnasco auch noch das Fortschrittsdenken nach Afrika, wo er allerdings bei der internationalen Eisenwarenmesse in Äthiopien ein Fiasko erlebt.

Gio Magnasco ist aus dem gleichen Stoff wie sein Zeitalter. Er ist ein etwas verschrobener Erfinder, dem die Neuerungen nur so in den Schoß fallen und der mit seiner Vorstellungsgabe Undenkbares möglich macht. Und Magnasco ist so sehr von seiner Zeit durchdrungen, dass er ein geradezu sinnliches Verhältnis zu Eisen hat: "Die Eisenbahn ist ein riesiger Verschluss aus Knöpfen und Schlingen, die von gröberen, doch nicht weniger präzisen Händen als Martas auf der Haut der Erde zusammengefügt werden." Ob die Schienen der Eisenbahn, die mit Bolzen, Schrauben und Zwischenstücken befestigt werden, oder das Kleid einer Frau, das mit einer Reihe unzähliger kleiner Knöpfe verschlossen wird - die Emotionen, die Knöpfe und Bolzen, Ösen oder Nägel bei Gio Magnasco hervorrufen, sind die Gleichen.

Zettel aus der Zigarrenkiste

Erzählt wird seine Geschichte vom Urenkel, dem jedoch weder Fotografien noch persönliche Erinnerungen zur Verfügung stehen - nur Notizen des Urgroßvaters, "Zettel in einer Zigarrenkiste und eine Geschichtensammlung über Nägel", die aber "durchaus nicht glaubwürdig sind", wie sogleich als Rückversicherung hinzugefügt wird. Mit diesem Kunstgriff hat der Erzähler allen Raum, die Lücken in der Biographie des Urgroßvaters nach Gusto zu füllen, Gewährsmänner anzuführen, die ihr Wissen selbst nur aus zweiter Hand haben, Erlebnisse hinzuzuerfinden oder sie so auszumalen, wie sie in seiner Phantasie stattgefunden haben könnten, und es dabei mit der Plausibilität nicht immer allzu genau zu nehmen. So trägt beispielsweise die angebetete Magda Perrone Ende des 19. Jahrhunderts noch einen Keuschheitsgürtel - nur damit sie Magnasco darum bitten kann, mit seiner Zunge die Form des kleinen Schlosses zu ertasten und für sie den passenden Schlüssel zu fertigen.

Mit seinem Roman "Fünf Knöpfe aus Seide" schafft Ernesto Franco eine halb realistische, halb wundersame Welt, die vor allem im ersten Teil manch schöne Bilder, Figuren und Erfindungen aufweist. Auf Dauer aber fehlt ein Gefühl für das Maß. Wenn Gio Magnasco und seine Frau Gina für ihr erstes Kind eine Mehrstufenwiege entwickeln, die "sich mit kleinen konischen Einschüben und Zugstangen bis zu einem Ehebett verlängern und verbreitern läßt und später in umgekehrter Richtung wieder reduziert werden kann, bis sie ein längenverstellbarer Sarg mit dazu passendem Deckel ist", dann hat man bei aller ohnehin schon vorhandenen Ermüdung von den vielen Erfindungen das Gefühl, dass mit dem Autor hier die Pferde durchgegangen sind. Hinzu kommt, dass der Roman voll ist von bei Alessandro Bariccio ausgeliehenen Motiven: die Zeit der einsetzenden Industrialisierung, die Reise ans Ende der Welt, die Ehefrau, die die Sehnsucht ihres Mannes nach einer anderen spürt, oder die Figur, die gemeinsam mit ihrem Ozeandampfer untergeht. Und schließlich wird das Fiasko der europäischen Eisenwarenhändler in Afrika so überdeutlich beschrieben - ein Regenguss lässt die Welt der Messestände in sich zusammenstürzen, dass man zeitweilig den Eindruck hat, ein Schulbeispiel aus einem Kurs für kreatives Schreiben (das Franco an der Scuola Holden in Turin neben seiner Tätigkeit als Dozent für hispano-amerikanische Literatur an der Universität Genua unterrichtet) vor sich zu haben.

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