Kultur : Nah am Wasser gebaut

Der Multimillionär Möller schenkt Kopenhagen eine neue Oper – und löst damit nicht nur Freude aus

Jörg Königsdorf

Um den Klotz kommt man nicht herum. Egal, an welcher Stelle der langgezogenen Uferpromenade Kopenhagens man steht, der gedrungene Kubus von Kopenhagens neuem Opernhaus ist immer mitten im Blickfeld: Keck tritt er auf seiner vorgelagerten Dockinsel aus der lockeren Reihung von Speichern und Bürogebäuden heraus, die das Weichbild der Stadt in Richtung auf den Öresund bestimmen. Und wahrscheinlich ist es nicht zuletzt diese nahezu penetrante Sichtbarkeit, die dazu geführt hat, dass ein heftiger Streit um den Bau entbrannt ist, noch bevor sich in dieser Woche der Vorhang zur ersten Premiere gehoben hatte.

Dabei hätten die Dänen eigentlich eher Grund zum Jubeln: Ihre neue Nationaloper ist nicht nur die weltweit modernste Musiktheaterbühne, sondern sie hat den Steuerzahler auch keinen Pfennig gekostet. Das 335 Millionen Euro teure Haus mit seinen knapp 2000 Plätzen ist ein Geschenk von Dänemarks reichstem Mann, dem Reeder Arnold Maersk KcKinney Möller: in nur drei Jahren hochgezogen und schlüsselfertig abgeliefert, zum höheren Ruhme der Musik wie des Spenders.

Solch tendenziell großspurige Mäzenatentum mag in den USA gang und gäbe sein, doch in einem Land, in dem die öffentliche Zurschaustellung von Macht und Reichtum bislang eher als taktlos empfunden wurde, stieß man sich an dem selbstherrlichen Vorgehen des über 90-jährigen Multimillionärs. Nachdem Kritiker schon bald das Fehlen eines öffentlichen Wettbewerbs für den Bau moniert und auf die städtebauliche Sensibilität des Standorts genau in einer Sichtachse mit dem Kuppelbau der klassizistischen Friedrichskirche und dem Schloss Amalienborg am anderen Ufer hingewiesen hatten, distanzierte sich kurz vor der Einweihung auch der Architekt Henning Larsen von seinem Auftraggeber: Er sah seinen Entwurf durch eine Reihe von simsartigen Blenden beschädigt, die auf Wunsch des Bauherrn die vollverglaste Foyerfront einklammern. Schließlich rechnete die Presse sogar vor, dass es mit der Großzügigkeit des Spenders gar nicht so weit her sei, weil das Möllersche Imperium infolge der Spende erheblich weniger Steuern abführen müsse. Mit seiner süffisanten Bemerkung, es handele sich bei dem Bau schließlich um ein Geschenk und keinen Gutschein, goss Möller selbst noch kräftig Öl ins Feuer – und prompt hatte Dänemark nicht nur ein neues Opernhaus, sondern zugleich auch eine Debatte über den Umgang mit privatem Mäzenatentum.

Fest steht freilich, dass Kopenhagen ohne Möller vermutlich überhaupt kein neues (dringend benötigtes) Opernhaus bekommen hätte. Fest steht auch, dass der Bau, anders als das in seiner herausgehobenen Lage vergleichbare Opernhaus von Sydney (an dem Larsen als Assistent von Jörgen Utzon beteiligt war) zwar keine architektonischen Maßstäbe setzt, aber als Zweckbau mit seinen geräumigen Seiten-, Hinter- und Unterbühnen alle Möglichkeiten bietet, von denen ein Opernregisseur träumen kann. Mit anderen Worten: Mag das 32 Meter vorkragende Flachdach auch offenkundig von Jean Nouvels Luzener Festspielhaus geborgt sein, mag die Blattgolddecke im Saal (ein Wunsch Möllers) dem Raum einen protzigen Akzent geben – sobald das Licht aus ist, darf man all das getrost vergessen.

Für Kaspar Bech Holten, den 31-jährigen Opernchef des Hauses, kommt der Wirbel im Vorfeld sogar gerade recht: „Wir müssen jetzt 150000 Karten pro Jahr mehr verkaufen, weil wir ja nicht nur das neue Haus, sondern auch noch unser altes Opernhaus bespielen. Da brauchen wir jede Menge Publicity“, betont er. Der Intendant will ein möglichst breitgestreutes Angebot liefern, um nicht nur die großstädtischen Feuilletonleser, sondern auch das konservativere Publikum bis in die ländliche Diaspora Jütlands und Südschwedens hinein anzuziehen: Während Holten und sein Generalmusikdirektor Michael Schönwandt ihren 2003 begonnenen „Ring“ mit Wagners „Siegfried“ fortsetzen, ist die zeitgenössische Musik mit einer Uraufführung des wichtigsten lebenden dänischen Komponisten Poul Ruders vertreten, das europäische Regietheater mit einer „Elektra“ von Peter Konwitschny.

Vielleicht war es da am Ende sogar taktisches Kalkül, dass die Messlatte mit der Eröffnungsproduktion, Verdis „Aida“ denkbar niedrig gelegt worden ist. Der dekorative Pyramidenklimbim, den Mikael Melbye veranstaltet, darf getrost als eine Zumutung auch für ein konservativeres Opernpublikum bezeichnet werden. Schlimmer noch als die Abwesenheit jeglicher sinnstiftender Personenführung und die fatal an Monty Pythons „Leben des Brian“ erinnernden Kostüme ist allerdings das musikalische Niveau: Das fast ausschließlich dänische, nur für die ersten beiden Vorstellungen durch den Gaststar Roberto Alagna aufgepeppte Ensemble bietet kaum mehr als Provinzniveau, der Klangbrei, den das Orchester unter Manfred Honeck anrührt, dürfte eher auf schlechtes Probenmanagement als auf die im übrigen sehr präsente Akustik zurückzuführen sein.

Von Holtens erklärtem Ziel, das „führende Opernhaus Skandinaviens“ zu werden, ist Dänemarks Nationaloper jedenfalls weit entfernt, und angesichts des knappen Budgets, das Holten für seine Arbeit zur Verfügung hat, darf man an der Einlösung dieses Vorsatzes durchaus zweifeln. Denn für international konkurrenzfähige Besetzungen, die vor allem für die Publikumshits des italienischen Repertoires unabdingbar sind, kommt Holten mit den etwa 20 Millionen Euro, die ihm für die Bespielung zur Verfügung stehen, kaum aus. Um auf europäischer Ebene mitspielen zu können, braucht Kopenhagens Oper wohl noch ein paar Millionen mehr. Oder zumindest noch einen zweiten Mäzen.

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