Kultur : Nahost: Das heilige Pulverfass

Es sind oft die Symbole, die über Krieg und Frieden, über politische Bewegungen und moralische Empörung entscheiden. Jetzt ist die Geburtskirche Jesu Christi in Bethlehem als Symbol - und als realer Kampfplatz - ins Visier geraten. Die Kirche ist nur aus Stein. Und natürlich zählt auch bei der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern jedes Leben der von Kugeln, Sprengstoff und Granaten getöteten Kinder, Frauen und Männer mehr als nur der getroffene Stein. Und doch sind es eben auch Orte, Stätten, Bauwerke, die den Wahnsinn mehr als andere und anderes symbolisieren.

Es war die Kathedrale von Coventry, die für die westliche Zivilisation nach dem Bombardement durch Görings Luftwaffe zum Zeichen des Widerstands und dann auch der Vergeltung im Luftkampf des Zweiten Weltkriegs wurde. Und als in Deutschland erst Bücher und dann Synagogen brannten, da ahnten nicht nur Leser Heinrich Heines, dass dort bald auch Menschen brennen würden. Oder ein riesiger Zeitsprung: Es hätte die Entrechtung der Frauen Afghanistans sein müssen, um den weltweiten Protest gegen das Regime der Taliban zu schüren. Doch bedurfte es dort erst der Zerstörung der Buddha-Statuen, bis die Barbarei zum globalen Skandal wurde. Es zeigt, dass Kultur tiefer sitzt als aktuelle Rationalität - auch die Zerstörung von Kultur trifft so eine Saite, mit der etwas anderes erklingt als nur die tägliche Leier. Erstaunlich aber, dass die Resignation vor dem Unheil in Nahost nunmehr auch die Begriffe vom Heiligen Land zuschanden macht, die bisher doch Juden, Christen und Moslems ganz fraglos. Es gibt keinen Aufschrei und kein wirklich bewegendes Entsetzen darüber, dass die mythisch-religiöse Geburtsstätte des Christentums - der Ort der Weihnacht - nunmehr im Mündungsfeuer liegt.

Ein Skandal, dass bewaffnete Palästinenser (im überwiegend christlich-palästinensischen Bethlehem) nicht vor der Besetzung der Kirche zurückschreckten; dass arabischerseits nicht wenigstens ein Wort zur Mäßigung ertönt; dass israelische Soldaten, statt nur zu belagern, hier auch schießen. Man stelle sich Gleiches nur in Mekka, am Felsendom oder an der Klagemauer vor. So aber ist einmal mehr eine Grenze überschritten. Und dabei war das Tor der um 330 begründeten Basilika doch im 16. Jahrhundert fast zugmemauert worden: auf dass niemand einfach einreite in die Kirche und jeder doch sein Haupt beim Betreten beuge. Jetzt wartet hinter diesem einzigartigen Einlass - ein Pulverfass. Auch das ein Symbol.

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