Kultur : Nahost: Der Verdacht

Harald Martenstein

Mitte März zeigte das israelische Fernsehen Bilder von der Eroberung des Palästinenserlagers "Aida" in der Nähe von Bethlehem. Soldaten sprengten ein palästinensisches Haus auf. Eine Frau wurde dabei schwer verletzt, sie lag in ihrem Blut und starb langsam. Ihr Mann und ihre weinenden Kinder mussten dabei zusehen. Die Soldaten hinderten die Familie daran, Hilfe zu holen. Die Kinder flehten um das Leben ihrer Mutter. Die Soldaten beschimpften sie. Als die Frau tot war, sprengten die Soldaten auch den Rest des Hauses in die Luft.

Diese Bilder waren in Deutschland nicht zu sehen, die Beschreibung der Szene stammt von einem Korrespondenten der "Frankfurter Allgemeinen". Aber in Israel wurden sie gezeigt, gegen den Widerstand der Armee. Warum? Weil Israel, im Gegensatz zu allen arabischen Ländern, eine Demokratie ist, mit einer - wenngleich gefährdeten, wenngleich eingeschränkten - Pressefreiheit und einer Opposition.

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"Wieder einmal allein" hieß vor ein paar Tagen ein Text von Richard Chaim Schneider in der "Süddeutschen". Der Titel sagt alles. Viele Israelis und deutsche Juden klagen, im Zusammenhang mit der Israel-Berichterstattung in Deutschland, über Antisemitismus. Kritik an der israelischen Regierung und der israelischen Politik sei selbstverständlich erlaubt, heißt es dann meistens. Aber wo genau verläuft die Grenze zwischen legitimer Kritik und antisemitischer Schmähung? Das wird nie gesagt. Ist es antisemitisch, zu sagen: "Israel verletzt die Menschenrechte"? Obwohl man es im israelischen Fernsehen sehen kann?

Weil Israel nicht der Irak ist

Neben die barbarische Szene aus dem Lager "Aida" könnte man eine ähnliche Szene stellen, bei der Palästinenser die Mörder sind und Israelis die Opfer. Warum passiert das in diesem Text nicht? Die Verbrechen des 11. September sind den Europäern und den Deutschen deshalb so nahe gegangen, weil sie sich den Amerikanern nahe fühlen - kulturell, politisch, menschlich. Wir gehören sozusagen zur gleichen Familie. Aus genau dem gleichen Grund finden viele den israelischen Terror empörender als den Terror der Palästinenser. Weil Israel eine Demokratie ist. Weil Israel uns nahe steht. Weil das Wort von der "deutsch-israelischen Freundschaft" für viele Deutsche mehr ist als eine Floskel. Die israelischen Verbrechen sind immer auch ein bisschen unsere eigenen, weil wir zur gleichen Familie gehören, zur Familie der Demokratien. Die Erklärung der Menschenrechte ist das wichtigste Dokument in der Geschichte der Demokratien. Die Grundrechte gelten für jeden, auch für Verbrecher, sogar für Terroristen. Von Nordkorea oder dem Irak erwartet man es ja nicht besser.

Israels Verteidiger können mildernde Umstände geltend machen, mehr als je zuvor ein Land. Antisemitismus, Holocaust, der arabische Terrorismus, der keinen Unterschied macht zwischen Soldaten und Zivilisten - die Juden sind jahrhundertelang unschuldige Opfer gewesen, sie wollen es nie wieder sein. Aber Unterdrückung bleibt Unterdrückung, Demütigung bleibt Demütigung, ein schmutziger Krieg bleibt ein schmutziger Krieg, auch wenn es noch so viele mildernde Umstände gibt.

Und die Deutschen? Nicht nur in Israel, auch in Deutschland ist die Erinnerung an den Holocaust heute ein Teil der Staatsraison. Man kann nicht Deutscher sein, man kann in Deutschland nicht aufwachsen, ohne sich immer wieder dieses finsteren Erbes bewusst zu werden. Man definiert sich als Deutscher über den Holocaust, mehr als über Goethe oder Bismarck oder den Fußball. Die meisten Deutschen wollen keinen "Schlussstrich" und sie wissen, dass diese Vergangenheit nicht "bewältigt" werden kann. Aber die Deutschen von heute haben auch ein Recht darauf, dass man sie nicht mit ihren Großeltern oder Urgroßeltern verwechselt. Schuld vererbt sich nicht. Täter zu sein, Opfer zu sein - liegt das etwa in den Genen eines Volkes? Wer das behauptet, ist ein Rassist.

Wieder einmal allein

Deswegen ist es infam, leichtfertig mit dem Vorwurf des Antisemitismus umzugehen. Wer die israelische Besatzungs- und Unterdrückungspolitik kritisiert, hart kritisiert, ist deshalb kein Antisemit, egal ob diese Person Franzose ist, Amerikaner, Israeli oder Deutscher. Antisemitisch wäre es zum Beispiel, die israelische Politik aus einem angeblich vorhandenen "jüdischen Wesen" herzuleiten, aber solchen Unfug hat in Deutschland niemand geäußert, nicht einmal unser Unfugspezialist Jürgen Möllemann. Der skrupellose Terror der Palästinenser und die Friedensunfähigkeit ihrer Führer werden außerhalb der arabischen Welt zu Recht verdammt - ohne dass jemand auf die Idee käme, den Kritikern antiarabischen Rassismus zu unterstellen.

"Wieder einmal allein": Es ist das Wort "wieder", das in der Überschrift über Richard Chaim Schneiders Artikel verstört. Dieses "wieder" stellt eine Verbindung her zwischen den Verbrechen an den Juden und der heutigen Situation in Israel und Palästina. "Wieder" - etwas wiederholt sich. Nein, Geschichte wiederholt sich nie, man muss jedesmal neu hinschauen. Millionen von Juden sind ermordet worden, und eine Gruppe von Soldaten lässt eine Frau vor den Augen ihrer Kinder verbluten: Zwischen beiden Ereignissen liegen Jahrzehnte, es sind Verbrechen völlig unterschiedlicher Größenordnung, und sie haben nur deshalb irgendwie miteinander zu tun, weil Hitlers Schatten über beidem liegt. Aber man muss doch beides getrennt betrachten, und kann nicht einfach zwischen beidem einen geraden Strich ziehen. Man kann nicht sagen: Egal, was die Welt dazu meint, wir sind im Recht, denn uns wurde einst großes Unrecht getan.

Im Fernsehen hat Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, sich zu der Idee des Bundeskanzlers geäußert, deutsche Soldaten an einer Friedenstruppe im Nahen Osten zu beteiligen. Diese Idee ist wahrscheinlich nicht besonders gut - aber wie begründete Spiegel seine Ablehnung? Er sagte, der Holocaust sei "erst" 57 Jahre her, man könne den "Anblick" deutscher Soldaten (in UN-Uniformen!) den noch lebenden Naziopfern nicht zumuten. Es sind Zwanzigjährige, über die da geredet wird. Sie haben niemandem etwas getan, aber ihr "Anblick" ist unzumutbar. Weil sie Deutsche sind. Wie wäre es, wenn man damit anfangen würde, beide - die Deutschen und die Israelis - als normale Menschen zu betrachten, und nicht als Angehörige einer besonderen Spezies?

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