Kultur : Nahost: Die neue Unbefangenheit

Richard Chaim Schneider

Sollte man eines schriftlichen Beleges für die neue deutsche Unbefangenheit bedürfen - der letzte Absatz von Harald Martensteins Artikel "Der Verdacht" ( Tagesspiegel am 12.4.2002 ) eignet sich dafür ganz ausgezeichnet. Er könne einfach nicht verstehen, was Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, gegen deutsche Soldaten im Nahen Osten habe. Wieso könne man noch lebenden Nazi-Opfern in Israel den Anblick dieser Männer nicht zumuten? Und wie kann sich Paul Spiegel erdreisten zu sagen, dass der Holocaust erst 57 Jahre her sei - Martenstein setzt das Wörtchen "erst" in Anführungszeichen.

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Um deutlich zu machen, wie unfein sich Paul Spiegel verhält, setzt Martenstein dann auch noch in Klammern, dass jene deutschen Soldaten schließlich in UN-Uniformen in Nahost herumlaufen würden, sie also die perfekte Tarnung und somit dasselbe Recht hätten, vor Ort zu agieren wie alle anderen Nationen, schließlich "haben (sie) niemandem etwas getan ..."

In der Tat, das haben sie nicht, aber darum geht es nicht. Es geht um Emotionen, Traumata und Erinnerungen. Es ist schließlich noch nicht geklärt, mit welchem Auftrag deutsche Soldaten eines Tages tatsächlich im Nahen Osten stationiert sein könnten. Vielleicht tragen sie ja doch deutsche Uniformen? Ist das so schwer zu begreifen, was eine deutsche Uniform bei den Holocaust-Überlebenden an Assoziationen auslösen kann? Und sollten sie in UN-Farben herumlaufen, werden sie vielleicht einen Schießbefehl haben? Wie würde sich dann die Schlagzeile machen: "Deutscher Soldat erschießt Israeli"?

Nein, Harald Martenstein fordert für sich und die Deutschen von heute Freispruch von der Vergangenheit und reagiert auf meinen Artikel "Wieder einmal allein", der am 5. April in der "SZ" erschienen ist, mit großer Verve und entsprechendem Ärger. Ich beschrieb darin den Schulterschluss jüdischer Gemeinden und Organisationen in Europa mit Israel und Sharon angesichts des wachsenden Antisemitismus auf unserem Kontinent, obwohl der Großteil der europäischen Juden Sharon und seine Politik nicht besonders schätzt. Martenstein fordert das Recht, Israel kritisieren zu dürfen, er kann nicht begreifen, wieso es antisemitisch sein soll, zu sagen, "Israel verletzt die Menschenrechte". Und um die Legitimität seiner Empörung noch zu unterstreichen, betont der Autor, dass für viele Deutsche die deutsch-israelische Freundschaft keine Floskel sei, schließlich stehe Israel "uns nahe". Abgesehen davon, dass ich diese Behauptung für mehr als zweifelhaft halte, kann ich Martenstein beruhigen: Es ist nicht antisemitisch zu sagen, dass Israel die Menschenrechte verletzt! Es ist nicht antisemitisch, wenn man Sharon nicht mag, die Politik der aktuellen israelischen Regierung kritisiert und den Einmarsch der Armee in die palästinensischen Autonomiegebiete für falsch, ja für unmenschlich hält. Darum ist es in meinem Artikel ja auch nicht gegangen.

Es ging um den Antisemitismus in Europa, nicht um Nahost. Doch darüber verliert Martenstein kein Wort. Über mehrere Absätze beschreibt er eine Szene, in der israelische Soldaten ganz Entsetzliches tun. Und um sich rückzuversichern, dass er dies auch darf, betont er, dass diese Szene sogar im israelischen Fernsehen gezeigt wurde! Doch mit keinem Wort setzt sich Martenstein mit dem Antisemitismus auseinander, um den es geht. Nein, ihn interessiert nicht die Tatsache, dass in ganz Europa inzwischen jüdische Einrichtungen angegriffen oder bedroht werden, Einrichtungen von Juden, die nicht Israelis sind, sondern französische, belgische, britische oder deutsche Staatsbürger. Ihn interessiert nicht, dass in der europäischen Kritik an Israel sich oftmals Töne mischen, die selbst für ihn als antisemitisch erkennbar sein müssten. Norbert Blüms Wut über den israelischen "Vernichtungskrieg" ist nicht nur hanebüchen, weil ein Deutscher diesen Unsinn verbreitet, sondern weil gerade ein Deutscher wissen sollte, was ein Vernichtungskrieg in Wirklichkeit ist und sich fragen sollte, warum er ausgerechnet Israel solch einen Vorwurf macht. Lionel Jospins Behauptung, Sharon allein sei schuld an der Krise, ist nichts als die moderne Version des alten Slogans: "Die Juden sind an allem schuld."

Martenstein ist mit der deutschen Vergangenheit beschäftigt und regt sich über das "wieder" im Titel meines Artikels auf: "Wieder einmal allein", eine Formulierung, die auch in einer Passage meines Textes auftaucht: "Eine antisemitische Stimmung löst Besorgnis aus, ein möglicher Untergang Israels könnte eine gewaltige Pogromwelle auslösen. Der Schulterschluss mit Israel ist also unbedingt geboten. Wieder einmal stünde des jüdische Volk alleine da - gegen die Araber und ein antisemitisches Europa." Dieses "Wieder einmal" bezieht sich in der jüdischen Erinnerung und Tradition - anders als in der deutschen - nicht nur auf den Holocaust, sondern auf die gesamte Verfolgungsgeschichte der vergangenen Jahrtausende, in der Juden tatsächlich wieder und immer wieder allein waren.

Das alles interessiert den Tagesspiegel-Redakteur nicht, vielmehr ärgert ihn, wenn Israel und die Juden die Verbrechen der Nazis als Rechtfertigung für ihr politisches Handeln missbrauchen würden und behaupten, sie seien im Recht, denn ihnen wurde einst großes Unrecht getan. Nichts davon stand in meinem Artikel. Offensichtlich projiziert Martenstein mit solchen Überlegungen seine eigene Befindlichkeit (und Wut) auf Israel und die Juden, und somit auch auf mich. Und er geht sogar noch weiter. Er versucht, eine Erklärung zu finden, warum die Deutschen den israelischen Terror "empörender" finden als den Terror der Palästinenser. Seine These: Eben jenes Israel "steht uns nahe", weil es schließlich eine Demokratie sei, wie Deutschland. Der demokratische Journalist merkt nicht einmal, dass solche Erklärungen indirekt den Terror der Palästinenser, wenn schon nicht rechtfertigen, so doch zumindest erklären: Diese Menschen sind ja keine Demokraten, da muss man das schon begreifen, respektive nicht so empört sein.

Dies ist nicht nur zynisch, es macht obendrein auch noch einen Unterschied zwischen den Opfern! Fein ausgedacht - doch leider zu kurz, viel zu kurz gegriffen. Wie die gesamte Nahost-Debatte in Deutschland. Diese wird in Wirklichkeit nur instrumentalisiert, um die Aufarbeitung des Eigenen voranzubringen. Und das heißt: die Entschuldung des deutschen Volkes dank der Brutalität der Israelis endlich zu vollziehen. Das aber ist nichts Neues, wir kennen diesen Diskurs hierzulande seit über 20 Jahren. Die "neue deutsche Unbefangenheit": ein ziemlich alter Hut!

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