Kultur : Nahost: Gelegenheit macht Geschichte

Bernd Ulrich

Die Uhr, die Joschka Fischer trägt, ist teuer. Aber das ist es gewiss nicht, was die Zeit, die auf ihr abläuft, in diesen Tagen so wertvoll macht. Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde bedeutet, dass die Gemüter sich abkühlen und dass Fischer zum echten Vermittler wird. Zeit zählt - so lange kein neuer Selbstmordattentäter auf den Knopf drückt. Immerhin laufen noch zwei in Israel herum, wie in der Delegation des Außenministers kolportiert wird. Und so lange die israelische Regierung keinen Vergeltungsschlag verübt.

Immerhin steht sie unter immensem innenpolitischen Druck, Rache zu üben für die 20 toten Kinder von Tel Aviv. Ariel Scharon hatte eine einseitige Feuerpause beschlossen und durchgehalten, in die hinein der Anschlag kam. Das ist, so sagt Fischer in den zahlreichen Interviews, die er hier gibt, für eine demokratische Regierung fast nicht auszuhalten. Trotzdem sind seit dem vergangenen Freitag Abend bereits sechzig Stunden vergangen, weitgehend friedlich. Friedlich jedenfalls für nahöstliche Verhältnisse. Fischers Vermittlerrolle, seine Pendeldiplomatie hat dazu einiges beigetragen.

Ein deutscher Außenminister als Sondervermittler im Nahost-Konflikt? Geht das überhaupt? Fischer hat von Anfang an das Wort Vermittler ebenso konsequent abgelehnt, wie er die Rolle ausgefüllt hat. "Wir tun, was wir können", sagt er halb stolz, halb lapidar. Oder: "Es geschieht eben." Das tut es gerade nicht. Er wurde gefragt, zuerst von Schimon Peres, dann auch von palästinensischer Seite, und hat dann angefangen, sich die Unterstützung des Westens, der USA, der EU und auch der Russen zusammen zu telefonieren: Dreimal Javier Solana, der EU-Außenminister, dreimal Colin Powell, dann Schröder, Hubert Védrine, Kofi Annan, Robin Cook, Igor Iwanow. Und sie haben Fischer machen lassen, ja, manche haben ihn sehr aktiv unterstützt.

Es passte ja auch zu gut, Fischer war eigentlich der richtige Mann zur richtigen Zeit: Die Amerikaner sind gehandicapt, ideologisch und logistisch. Die neue Administration hat erst die Hälfte ihres Personals beisammen und blickt ohnehin sehr nach innen. Außerdem will sie im Nahen Osten nicht so enden wie Bill Clinton, als Großsprecher, aber mit kleinem Erfolg. Die USA haben hier viel zu verlieren - Fischer konnte nur gewinnen. Die Franzosen haben sich zu sehr mit den Palästinensern eingelassen, sie wären als Vermittler keine ideale Besetzung. Und die Engländer befinden sich in der Hochphase ihres Wahlkampfs. Trotzdem hätte man freiwillig niemals den Deutschen Fischer mit der Rolle beauftragt. Dafür sind die Eifersüchteleien zu groß, und dann, ein Deutscher, also wirklich. Wenn, ja wenn nicht der Zufall, der schreckliche Zufall, Regie geführt hätte.

Aber was tut ein deutscher Vermittler hier im Nahen Osten? Zunächst einmal hat Fischer den Anschlag zu seiner persönlichen Geschichte verwandelt. Er hat, auch im israelischen Fernsehen, davon erzählt, dass seine Kinder im gleichen Alter sind wie die Opfer von Tel Aviv. Dann hat er bei seinen Gesprächen immer dieselbe Furche gezogen, den Israelis, vor allem aber den Palästinensern die Melodie ihrer eigenen Interessenlage vorgespielt.

Zum schwierigsten Fall wurde dabei der Mann, der von den Israelis in seinem bedrängten Ramallah festgehalten wird, Jassir Arafat, der Präsident unter Arrest. Seine ganze Macht beruht auf einer Unklarheit: Kann er nicht, oder will er nicht? Steht es in seiner Macht, den Terror zu stoppen, oder sind ihm seine Leute längst entlaufen? Arafat hat es geschafft, diese Frage zum großen Mysterium des Nahost-Konflikts werden zu lassen. Jede eindeutige Antwort wäre für ihn tödlich: Hat er die Befehlsgewalt, dann ist er immer noch der große Terrorist, der seine Selbstmordattentäter loslaufen lässt. Hat er sie nicht mehr, dann ist er kein ernst zu nehmender Verhandlungspartner mehr.

Auch Fischer konnte diesem palästinensischen Rumpelstilzchen seinen Namen nicht entlocken. Er hat ihn nur sachte darauf hingewiesen, dass ein israelischer Revolver auf seinen Kopf gerichtet ist und dass niemand ihm helfen wird, wenn er sich nicht hilft. Wie gut dieses Argument wirkte, wie reinigend für die übervollen Köpfe der palästinensischen Führung, zeigt eine kleine Szene vom zweiten Besuch Fischers in Ramallah. Während Fischer und Arafat unter vier Augen reden, läuft im Vorzimmer das zweite israelische Programm. Es wird die Beerdigung der ermordeten Jugendlichen gezeigt. Bis Arafats Lieblingsleibwächter Muhammed hereinkommt, sich die Fernbedienung schnappt und so lange rumzappt, bis irgendeine arabische Daily-Soap läuft. Man weiß Realität zu verdrängen in dieser Welt, in der fast jeder eine Waffe trägt.

Bei seinem ersten Treffen mit Arafat konnte Fischer mit einem halb leeren Glas losfahren. Am nächsten Tag, beim Gespräch mit Ariel Scharon, war es dann schon halb voll. Unter vier Augen wurde auch hier Klartext geredet. Natürlich hat der deutsche Außenminister außerdem die Weisheit des israelischen Ministerpräsidenten gepriesen. Und hatte damit ja auch ganz Recht. Wer hätte ausgerechnet von dem kalten Krieger Scharon einen Satz erwartet, der wenigstens für Stunden die gefährliche Dialektik von Militanz und Ehre auf den Kopf gestellt hat: "Zurückhaltung ist Stärke." Fischer behauptet, er habe ihm diesen Satz nicht in den Mund gelegt.

Dabei ist es sein eigener Wahlspruch, sein Erfolgsgeheimnis als Außenminister und eben als Nahost-Vermittler. Denn wie unnormal es ist, dass ein deutscher Außenminister zum Führer der Israelis hineinspaziert und mit ihm Tacheles redet, das konnte man wenige Stunden vor dem Scharon-Besuch erfahren. Zum sechsten Mal bereits besuchte Fischer Jad Vaschem, die Gedenkstätte für den Holocaust, wieder legte er einen Kranz nieder, verbeugte sich. Gedenkroutine, die binnen zwanzig Minuten über die Bühne war. Aber eben doch eine Erinnerung daran, dass es eigentlich, dass es bis vor kurzem und dass es ohne diesen historischen Zufall hier keine Vermittlerrolle eines Deutschen geben kann.

Jetzt gibt es sie doch, und zwar gerade mit einem Mann, dessen politische Biographie immer um zwei Pole kreiste: Seine Macht und intensive, fast überintensive Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit. Den Deutschen - ihm - traut niemand mehr zu, dass sie irgendetwas tun könnten, das Israel schadet. Darum, wegen dieser historischen Unverbrüchlichkeit, die aus dem Holocaust kommt, darum konnte Fischer hier vermitteln. Jedoch nur auf diese eine Weise: Zurückhaltung ist Stärke.

Joschka Fischer hat sich an diese Devise bei seinen Tagen der Vermittlung mit erstaunlicher Disziplin gehalten. So uneitel war der Eitle, wie man es noch selten erlebt hat, immer hinter die Sache zurücktretend, den aufkommenden Stolz niederhaltend. Selbst in den nächtlichen Pullover-Runden, auf der Terrasse des Jerusalemer King David Hotels, beim Blick auf die Altstadt, log Fischer tapfer weiter: Nein, das ist keine Vermittlerrolle, ach was.

Nur einmal ging die Eitelkeit mit ihm durch. Das war am späten Sonntagabend bei einer internationalen Pressekonferenz. Da sprach er vom Erfolg seiner Mission schon in der Vergangenheitsform, als ob er schon etwas in der Tasche hätte. Und er verirrte sich ins Futur. Ob er auch in Zukunft weiter im Nahen Osten vermitteln wolle, fragte eine Journalistin. "Well, wenn wir gefragt werden." Das bedeutet in der normalen Politikersprache üblicherweise: Ich will.

Doch weiß Fischer zu genau, wo die Grenzen deutscher Außenpolitik liegen, und er bekam sie, bei allem Erfolg, auch hier zu spüren. Nachdem Fischer das halb volle Glas einmal hin und einmal her und wieder hin getragen hatte, war die Zeit des Redens vorüber. Denn was die Israelis am Ende wollen, das sind keine Garantien oder Erklärungen des "pathologischen Lügners" Arafat, wie Scharon ihn im Gespräch mit Fischer bezeichnete. Sie wollen Maßnahmen gegen den Terror, Verhaftungen. Damit verlagert sich der Fokus von der Diplomatie auf die Geheimdienste, auf die Sicherheitsberater. Und da haben die Deutschen im Ernst nichts vorzuweisen, da sind sie schlicht nicht satisfaktionsfähig. Deutschland ist keine Großmacht, nicht mal Joschka Fischer ist das.

Am Montagmittag, kurz vor seinem Abflug nach Kairo und Amman, wo es auch noch ein paar wichtige Hände zu schütteln gibt, sitzt Fischer auf dem Rasen des Hotels und gibt ein Interview für CNN. Christiane Amanpour, die Frau, bei deren Erscheinen immer Krieg in der Luft liegt, ist gekommen. Sie hat sich entschlossen, den langweiligen englischen Wahlkampf hinter sich zu lassen und fragt nun Fischer, ob die Amerikaner jetzt nicht endlich mehr tun müssten im Nahen Osten. Das ist eine doppelbödige Frage. Denn am Samstag ist die amerikanische Regierung doch langsam aufgewacht und hat ein bisschen von ihrer immensen Energie auf den Nahen Osten gelenkt. Um jetzt vom deutschen Außenminister zu hören, sie sollten noch mehr tun? Fischer, nun wieder ganz in der Diplomatenzucht, sagt auf Englisch, es sei nicht sehr weise, den USA öffentliche Ratschläge zu geben. Aber das meint er: Jetzt sind die Amerikaner dran.

Fischer kann nach Hause fliegen. Aber er fliegt nicht so zurück, wie er hergeflogen ist. Deutschlands Gewicht in der Region ist um ein paar Gramm gewachsen, das europäische, sein eigenes auch. In Hintergrundgesprächen hat er noch stets betont: "Ich bin kein Nahost-Experte." Solche Koketterie wird ihm künftig nicht weiterhelfen. Und die deutsche Außenpolitik? Steht sie jetzt anders da auf der Weltbühne?

Es bleibt bei dem Paradox: Deutschland kann nur mächtig sein, wenn es sich nicht mächtig gibt. Das gilt weiter, aber auf höherem Niveau, auf gefährlich hohem vielleicht. Es ist schwer zu sagen, ob Joschka Fischer der Versuchung nachgeben würde, die neu erworbenen Muskeln auch zu zeigen, wenn er nicht diesen Kanzler hätte. Gerhard Schröder und sein famoser außenpolitischer Berater probieren immer mal wieder aus, wie es ist, wenn Deutschland die Hüllen der Zurückhaltung fallen lässt. Manchmal haben sie damit Erfolg, meistens fallen sie mit diesem Stil auf die Nase. Das hält Fischer bei seiner Linie: Zurückhaltung ist Stärke. Nächstes Jahr in Jerusalem?

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