Kultur : Nahost-Gipfel: Der Augenblick

Benjamin Leonhardt

Eiseskälte lag über Scharm el Scheich. Dabei schien doch die Sonne. Und die Temperaturen waren angenehm warm. So wie es sich schickt für einen Badeort. Die Eiseskälte war auch gar kein meteorologisches Phänomen, sondern umschreibt nur die unversöhnliche Atmosphäre beim Gipfeltreffen in Ägypten. Allerdings hatten die internationalen Beobachter nichts anderes erwartet. Seit Tagen hatten sich die politischen Kontrahenten, Palästinenserchef Jassir Arafat und Israels Premier Ehud Barak, beschimpft und sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation gegeben. Wie wenig hoffnungsvoll die Lage war, hatte niemand anderes als Barak selbst deutlich gemacht, als er sagte: "Ich habe das starke Gefühl, dass der Friedensprozess in seiner gegenwärtigen Form am Ende ist." Arafat hatte zuvor von "Krieg" gesprochen und Worte der Diplomatie vermieden.

Auf dem Weg zum Konferenzsaal mussten sich beide begegnen. Doch als sie sich in den Gängen in Anwesenheit von US-Präsident Bill Clinton sahen, blieben die Augen starr nach vorn gerichtet. So gingen sie beide aneinander vorbei.

Zur gleichen Zeit liefen bereits Meldungen über die Ticker der Nachrichtenagenturen, die nicht optimistisch stimmten. Es war wieder zu Zusammenstößen im Westjordanland und dem Gazastreifen gekommen. 1000 Palästinenser demonstrierten in Hebron gegen das Gipfeltreffen. Und nicht nur dort. Gewalt und Gegengewalt bestimmten die Szenerien anderer Städte. In Gaza-Stadt gingen rund 3000 Palästinenser auf die Straße und verbrannten, aufgeputscht von ihren Anführern, vor dem Sitz des Palästinerserrates drei Särge, die die USA, Israel sowie die israelisch-palästinensischen Friedensabkommen symbolisieren sollten. Auf die Steinwürfe und Molotow-Werfer reagierte die israelische Armee wie gewohnt. Mit Tränengas, Gummigeschossen und auch scharfer Munition. Und wie gewohnt kam es wieder zu Verletzten und Toten. In Bethlehem soll ein jugendlicher Palästinenser von israelischen Soldaten erschossen worden sein, ebenso ein palästinensischer Polizist.

Angespannte Stimmung herrschte auch rund um den Tempelberg in der Altstadt Jerusalems. Die Polizei hatte die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Mehrere tausend Polizisten waren im Einsatz. Vor der Klagemauer versammelten sich am jüdischen Feiertag "Sukkot" rund 10 000 Gläubige. Zwischenfälle blieben hier aus. Die Polizei war sorgsam. Mitglieder der rechten jüdischen Gruppierung "Getreue des Tempelbergs" erhielten keinen Zutritt zum Tempelberg.

In Scharm el Scheich redeten derweil die Gipfelteilnehmer mit Engelszungen auf die Kontrahenten ein. Es war schließlich eine historische Zusammenkunft. Zwar hatte man Russlands Präsident Putin doch nicht eingeladen, aber er war dennoch über jeden Schritt der westlichen Vermittler informiert. US-Präsident Clinton, UN-Generalsekretär Kofi Annan und der außenpolitische Beauftragte der Europäischen Union, Javier Solana, versuchten gemeinsam mit Gastgeber Mubarak, Barak und Arafat überhaupt dazu zu bewegen, so miteinander zu reden, dass Friedensverhandlungen "möglich sind".

Doch Arafat und Barak ging es darum, für die eigene Position zu werben. Ohne Kompromiss. Barak hatte sich dementsprechend vorbereitet. Während Arafat mit seinem Regierungsteam erschien, nahm Barak rund ein Dutzend Sprecher und "Medienberater" mit auf den Sinai, um vor den TV-Kameras der dort versammelten internationaln Fernsehsender die israelische Seite des Konflikts zu erklären. Die israelische Delegation ließ dafür auch Videoaufnahmen verteilen, auf denen der Lynchmord zu sehen ist und Predigten radikaler arabischer Führer.

Bis zum Abend war keine Annäherung in Sicht. Delegationsmitglieder beider Seiten zuckten nur frustriert mit den Schultern: "Bisher nur Streit und Schwierigkeiten."

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