Kultur : Nahost-Gipfel: Der Kampf um die Bilder

Charles A. Landsmann

Diplomatie in Scharm el Scheich. Das Rationale also, die Verhandlungen. Dort wird um Frieden gerungen, um Kompromisse, um gegenseitige Zugeständnisse. Doch neben der Rationalität ist der aktuelle Konflikt, die neue Welle von Gewalt und Hass, in erster Linie ein Thema von Emotion. Auch auf dieser Ebene wird gekämpft - weltweit. Es geht um die Hoheit über die öffentliche Meinung. Information nennen es die Offiziellen, ist es nicht aber auch Propaganda?

Israel war nach den Fernsehbildern vom schrecklichen Tod des 12-jährigen Mohammed al-Duri an der Netzarim Kreuzung durch Schüsse israelischer Soldaten weltweit angegriffen worden. Erst die Horror-Bilder des Lynchmordes von zwei israelischen Reservesoldaten in Ramallah brachten dann so etwas wie einen Ausgleich im Propagandakrieg, obwohl die schlimmsten Bilder - das eine, noch lebende Opfer wurde verbrannt - nirgendwo außer beim italienischen Fernsehen gezeigt wurden.

Doch nicht jeder Tag verläuft so blutig, so dramatisch. Dennoch haben die letzten Tage gezeigt, dass die weltweit gedruckten Kampfbilder genau so dramatisch waren wie auf dem Höhepunkt der Kämpfe. Nur: Das gegenwärtige Ausmaß der Kämpfe macht keinen Zehntel aus im Vergleich zu denen vor über einer Woche, die Zahl der aktiven Kämpfer auf palästinensischer Seite ist je nach Ort auf rund ein Dutzend von vorher Hunderten, ja Tausenden zusammengeschrumpft. Eine bei den Bildredakteuren beliebte Nahaufnahme eines Steinewerfers sagt nicht immer etwas über dessen Umgebung aus: War er ein Einzelkämpfer oder steckte er in der großen Masse? "Wenn Du mit dem Zoom etwas näher hinfährst und, sagen wir, acht Steinewerfer im Bild hast, dann entsteht der Eindruck als ob das ganze Volk kämpft - auch wenn die Acht die gesamten Palästinenser vor Ort ausmachen", sagt ein Intifada-erfahrener Kameramann.

Den Fotografen und Kameraleuten deshalb einen Vorwurf zu machen, wäre ungerecht: Sie müssen ihre Bilder "verkaufen". Und diese "Verkaufs"-Notwendigkeit führt auch dazu, dass sich die Bildermacher stets an die gleichen Orte begeben, in der Annahme, dass sich dort Kampf abspielt. Deshalb liefern sie tagtäglich sich gleichende Aufnahmen. Dabei gibt es für hochwertige Bilder von Profi-Fotografen und -Kameraleuten nur fünf bis sechs Brennpunkte: Die große Straßenkreuzung nördlich von Ramallah unweit der israelischen Westbank-Kommandatur und mehrerer Siedlungen, der israelische Kontrollposten südlich von Ramallah in Richtung Jerusalem; das Rachel-Grab an der Einfahrt zu Bethlehem von Jerusalem her (derzeit relativ ruhig und daher "unbeliebter"); die Trennlinie in der zweigeteilten Westbankstadt Hebron, wo sich wenige Dutzend der fanatischsten Siedlerfamilien und ein paar Hundert ebensolche Jeschiwa-Studenten und über 100 000 Palästinensern gegenüberstehen; die Netzarim-Kreuzung bei der wohl umstrittensten gleichnamigen Siedlung am Stadtrand von Gaza; und natürlich der Tempelberg und seine Umgebung, wo alles anfing und jeweils wieder angeheizt wird.

Diese Brennpunkte wiederum bestimmen exakt die dort geschossenen Bilder. Palästinensische Kinder, steinewerfend oder rennend und Schutz suchend oder, noch besser, mit dem Schulsack auf dem Rücken auf ihrem Heimweg vor dem Hintergrund einer mit Graffiti überkritzelten Mauer: Dieses aktuelle Alltagsbild stammt immer von der Netzarim-Kreuzung, an der der zwölfjahrige Mohammed umgekommen ist. Steinewerfende Palästinenser und schießende Soldaten mit ein paar Häuser im Hintergrund: Ramallah-Nord oder -Süd. Straßenkämpfe und daher Nahaufnahmen bedeuten Hebron.

Israel hatte in der Intifada die palästinensischen Gebiete, dort wo "action" herrschte oder vermutet wurde, systematisch zur "Geschlossenen Zone" erklärt und so die Medien auszuschließen versucht. Die Antwort fanden als erste einige amerikanische Fernsehsender und France 2: Sie verteilten an ihre palästinensischen Informanten Videokameras. Plötzlich bekam die Welt herausgeschmuggelte Bilder aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen: Der Zuschauer blickte direkt in die israelischen Gewehrläufe, sah die auf ihn selbst schießenden israelischen Soldaten von vorn, aber kaum mehr aufrührerische Palästinenser. Auch diesmal, bei der zweiten Intifada, die gleichen Bilder: Profiaufnahmen von den Brennpunkten und verwackeltere Aufnahmen mit "Hochzeits-Video-Kameras" von Nebenplätzen.

Videokameras für die Armee

Besser als am Beispiel der unfassbaren Aufnahmen vom Tod Mohammeds an der Netzarim-Kreuzung lässt sich diese Entwicklung nicht darstellen. Talal Abu Rahmeh stammt aus einer sehr reichen, sehr angesehenen und politisch jahrzehntelang führenden Familie aus Gaza (sein Vater war bis zu Arafats Rückkehr PLO-Chef des Gazastreifens). Er arbeitete als Journalist für ausländische Korrespondeten. Bis ihn der France-2-Korrespondent mit einer Videokamera ausrüstete und allein unter Beschlag nahm. Sehr schnell entwickelte er sich zu einem erstklassigen und mutigen Kameramann, der jetzt bei den schweren Schusswechseln an der Netzarim-Kreuzung nicht davonlief, sondern das Objektiv starr auf Vater und Sohn el-Duri hielt - und so die Bilder seines Lebens, vom Tod Mohammeds, schoss.

Israels neuer Armeesprecher, Ron Kitrey, gestand live im Fernsehstudio seine Hochachtung "vor der erstklassigen professionellen Arbeit" der Gegenseite ein, "von der man nur lernen kann". Seine Konsequenz sagt alles über den Wert der Bilder aus: Seit dem Wochenende werden die Kampf-Einheiten mit Videokameras ausgerüstet.

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