Nahost im Film : Reise ans Ende der Macht

Zäune, Bäume, nur keine Träume: Israelische Filme in Forum und Panorama.

Silvia Hallensleben
Flipping Out
Israelis feiern in "Flipping Out" das Ende des Wehrdienstes. -Foto: Promo

Unten sattgrüner Bergwald mit Wildbächen, oben im Café saugen sich Langhaarige in Hängematten an ihren Cannabis-Pfeifen fest. Dazwischen ein orthodoxer Jude mit Hut und gepflegtem Bart. Nur scheinbar fremde Welten: Die Freaks, die hier in den Ausläufern des Himalaja abhängen, sind junge Israelis, die vor kurzem ihren dreijährigen Militärdienst absolviert haben und jetzt die 15 000 Schekel Entlassungsgeld in Alkohol und Marihuana umsetzen. Sechzig Prozent der israelischen Wehrpflichtigen landen nach dem Wehrdienst hier in Nordindien: Leute wie Or Pines, der über seine zehn Dienstmonate in den besetzten Gebieten sagt, sie seien „die beste Zeit in seinem Leben gewesen“. Negatives über die Militärzeit hat keiner zu sagen. Doch die Realität spricht ihre eigene Sprache. Nicht wenige verlieren zwischen Drogen und offenbar traumatischen Erinnerungen den Grund unter den Füssen und flippen richtig aus.

Danny Winderbaum, der Orthodoxe, gehört der Chabad an, einer Organisation, die sich auf die religiöse Rekrutierung solcher Kriegs- und Drogenopfer spezialisiert hat. Doch es gibt auch weltliche Hilfsangebote. Hilik Magnus etwa, ein weißbärtiger Herr in Outdoor-Kleidung, ist ein ehemaliger Mossad-Agent, der einen Rettungsdienst für besonders schwere Fälle betreibt: Im Winter geht es von Nordindien in die Partyzone von Goa. Zwei Jahre hat der israelische Regisseur Yoav Shamir für „Flipping Out“ bei den jungen Aussteigern gedreht, zu denen er früher selbst einmal gehörte.

Auch Natalie Assouline hat für „Shadida – Brides of Allah“ zwei Jahre an ihrem Drehort verbracht, dem Sharon-Gefängnis, wo über hundert weibliche palästinensische Hochsicherheitsgefangene einsitzen. Sieben von ihnen lernen wir kennen. Auch hier ist es eine Reise in von Gewalt deformierte Innenwelten, die sich statt in Drogenpsychosen in religiösem Opferwahn ausdrücken. Khahira Saadi etwa, Mutter von vier Kindern, die einen Selbstmordattentäter zum Attentat gefahren hat und dafür dreimal lebenslänglich bekam. Schuldgefühle äußert keine. In mancher Hinsicht ist für die zu Hause in familiäre Verpflichtungen eingebundenen Frauen die Gefangenschaft ein Schritt Richtung Autonomie. Ranya ist allerdings eine Ausnahme: Sie ist im Gefängnis, um der gewalttätigen Mutter zu entfliehen. Sie ist die Einzige ohne Kopftuch, für ihre unabhängige Haltung wird sie von den anderen gemobbt.

Mit „Shahida – Brides of Allah“ und „Flipping Out“ hat das Forum zwei isrealische Dokumentarfilme im Programm, die vorzüglich zeigen, wie dokumentarisches Kino unseren Blick auf die Welt in Bewegung bringen kann. Dabei geht es an die Grenzen des dokumentarischen Filmemachens, wenn Regisseurin Natalie Assouline Frauen gegenübersitzt, die ihr als jüdischer Israelin offen das Lebensrecht absprechen. Solche Spannung auszuhalten ist die Stärke beider Filme.

Eine vielleicht zu gelungene erzählerische Form für das israelisch-palästinensische Verhältnis findet dagegen Eran Riklis („Die syrische Braut“) im Panorama: „Lemon Tree“ erzählt von einer palästinensischen Witwe, die das zweifelhafte Glück hat, ausgerechnet den israelischen Verteidigungsminister zum Nachbarn zu bekommen. Salma ist eigentlich eher eine ängstliche Frau. Doch als ihr heißgeliebter Zitronenhain aus Sicherheitsgründen abgeholzt werden soll, zieht sie bis vors Oberste Gericht. „Lemon Tree“ ist eine sympathische Tragikomödie über die kleinen und großen Absurditäten des israelischen Alltags. Doch um es wirklich knistern und uns auch Feuer fangen zu lassen, fehlen die Reibungsflächen. Hier ist alles so rund konstruiert, dass es fast widerstandslos vorbeigleitet. So gelingt Eran Riklis ein scheinbares Paradox: ein Wohlfühlfilm ganz ohne Happy End.

„Shahida – Brides of Allah“: Heute 17.30 Uhr (Arsenal), 9. 2., 13 Uhr (Cubix 7), 11. 2., 17 Uhr (Cinestar 8); „Flipping Out“: 13. 2., 16.30 Uhr (Delphi), 15. 2., 10 Uhr (Cinestar 8), 16. 2., 22.30 Uhr (Cinestar 8), 17. 2., 20 Uhr (Cubix 9); „Lemon Tree“: Heute 19 Uhr (Zoo Palast), 9. 2., 10.30 Uhr (Cinemaxx 7), 10. 2., 14 Uhr (International), 12. 2., 22.30 Uhr (Colosseum)

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