Nahost-Konflikt : Der Klügere gibt nicht nach

Warum die Forderung nach Gesprächen zwischen Israel und der Hamas den Islamisten nutzt.

Rafael Seligmann
Beerschewa
Täglicher Terror. Ein Klassenzimmer im israelischen Beerschewa nach dem Einschlag einer Rakete. -Foto: AFP

Zeitgleich mit dem Beginn der militärischen Offensive Israels im Gazastreifen, die zum Krieg ausgeweitet wurde, meldete sich die israelische Linke zu Wort – und wurde vorwiegend im Ausland zur Kenntnis genommen. Im jüdischen Staat kümmern sich nur wenige um die Stellungnahmen der linken Intellektuellen – weil sie sich zunehmend von der Wirklichkeit verabschieden.

So wandte sich der Schriftsteller David Grossman, dessen Sohn während des letzten Libanonkriegs fiel, in einem verzweifelten Aufruf an Palästinenser und Israelis: „Um neue Tote und neue Zerstörungen zu vermeiden, müssen wir das Feuer innerhalb von 48 Stunden komplett einstellen – auch wenn Ihr (Palästinenser) auf Israel schießt, wir werden die Zähne zusammenbeißen und nicht zurückschlagen.“ Doch die Menschen des israelischen Südens, die seit Jahren mit Raketen und Granaten aus dem Gaza-Streifen beschossen werden, wollen endlich einen sicheren Alltag. Die Palästinenser wiederum scheren sich nicht um Grossmans Deklaration. Die Bewohner des Gaza-Streifens versuchen, sich vor israelischen Bomben in Sicherheit zu bringen, und die Araber in Israel und im Westjordanland wissen, dass der Aufruf des Autors keinerlei Wirkung auf die israelische Politik zeigt.

Ebenso wenig wie die Erklärung des Schriftstellers Amos Oz einen Tag nach Beginn der Bombardements. Er schrieb, die Angriffe der israelischen Luftwaffe gegen Hamas-Stellungen seien gerechtfertigt, doch nun sollte über die Einstellung der Feindseligkeiten verhandelt werden. Die Realität blendet der Autor mit solch einem Statement weitgehend aus. Verhandlungen der Regierung in Jerusalem mit Hamas würden nur dann einen Sinn ergeben, wenn Israel zur Selbstaufgabe bereit wäre – wie einst das Regime der Weißen in Südafrika. Denn Hamas mag zwar zeitweiligen taktischen Waffenruhen zustimmen, kämpft aber als fundamentalistische islamistische Bewegung für die Vernichtung des jüdischen Staates. Anders als Amos Oz machen sich die meisten Israelis keine Illusionen darüber.

„Wir leben in einer erbarmungslosen Weltgegend. Hier wird Nachgiebigkeit als Schwäche ausgelegt und gnadenlos bestraft“, sagt Israels Verteidigungsminister Ehud Barak. Diesen kalten Wirklichkeitssinn nimmt die israelische Linke dem Vorsitzenden der Sozialdemokraten übel. Die Sozialdemokratie habe ihre Lebensberechtigung verwirkt, betonte Amos Oz noch vor dem Waffengang und empfahl, bei den bevorstehenden Wahlen für die linke Sektiererpartei Meretz zu stimmen.

Zur Weltabgewandtheit gesellt sich Ignoranz. So wünscht sich der Dirigent Daniel Barenboim, die israelische Regierung möge ein für alle Mal erkennen, dass der Nahostkonflikt auf militärischem Weg nicht zu lösen sei. Dabei wissen, vom äußersten rechten Spektrum abgesehen, doch alle israelischen Politiker, dass der Nahostkonflikt nur politisch zu lösen ist. Deshalb verhandelt die israelische Regierung, trotz amerikanischer Einwände, via Türkei mit Syrien über ein Friedensabkommen, deshalb ist sie zur Aufgabe der Golanhöhen bereit. Selbst der national-liberale Likud strebt mit Damaskus ein Ende der Feindschaft an. Die israelische Linke verdrängt, dass es bislang allein dem Likud-Politiker Menachem Begin gelang, ein tragfähiges Friedensabkommen mit Ägypten zu schließen – im Gegenzug wurde die Sinai-Halbinsel geräumt.

Von Hamas wünscht sich Barenboim die Einsicht, „dass Gewalt ihren Interessen zuwiderläuft und Israel eine Realität ist“. Offenbar will er deren Weltverständnis nicht wahrhaben – was bei einem Künstler angehen mag. Aber wenn der Historiker und politische Journalist Tom Segev vor Monatsfrist der neuen US-Administration, vor allem der designierten Außenministerin Hillary Clinton rät, Druck auf Israel auszuüben, ist das eine politische Bankrotterklärung.

Wenn linke Intellektuelle sich von der Wirklichkeit verabschieden, dann gerät das Geistesleben einer Gesellschaft aus dem Gleichgewicht. Für ein Land ohne existenzielle Probleme mag das hinnehmbar sein. Für den Staat Israel wiegt das Manko der Linken doppelt schwer, nicht zuletzt deshalb, weil die sozialistische Idee und ihre Umsetzung eine entscheidende Rolle beim Aufbau des jüdischen Staates spielte. Die Elite des Jischuw, der jüdischen Gemeinschaft im Lande, orientierte sich an marxistischen und sozialistischen Idealen. Die Kibbuzim waren vor und nach der Staatsgründung die landwirtschaftlichen, militärischen und politischen Kerne der Gesellschaft. Der Vorsitzende der Arbeiterpartei Mapai David Ben Gurion proklamierte 1948 den Staat und war 14 Jahre Ministerpräsident. Ben Gurion orientierte sich ebenso wie die führenden Intellektuellen an Berl Katznelson (1878-1944), dem geistigen Vater des sozialistischen Zionismus.

Zudem braucht eine Demokratie im Kriegszustand zur Aufrechterhaltung ihrer humanitären Ideale eine breite Spannbreite freiheitlicher Parteien. In Israel wurden die Werte der Aufklärung vorrangig durch die Linke verteidigt, die ihren zunächst überragenden Einfluss aber sukzessive eingebüßt hat.

In den 50er Jahren verhielt man sich paternalistisch gegenüber den aus den arabischen Ländern vertriebenen jüdischen Zuwanderern. Statt auf deren kulturellen Hintergrund einzugehen, sollten sie sich an den „fortschrittlichen Werten“ Europas orientieren, wie die Sozialisten und die staatlichen Behörden ihnen vorgaben. Das Ergebnis war ein Kulturschock. Die Rechte dagegen ging feinfühliger auf die Traditionen der orientalischen Immigranten ein, gewann ihr Vertrauen und bald auch ihre politische Unterstützung. Das Ergebnis war ein politischer Umschwung, der 1977 zum Wahlsieg von Begins Likud führte.

Die Intermezzi der Regierung Jitzhak Rabin (1974 - 77 und 1992 - 95) waren in erster Linie der persönlichen Integrität des Politikers geschuldet. Die Friedensverhandlungen von dessen Nachfolger Ehud Barak (1999 - 2001) mit Palästinenser-Präsident Yasser Arafat scheiterten unter anderem an der Überheblichkeit der Sozialdemokraten, die zu wenig Rücksicht auf das Ehrgefühl und die langsame Verhandlungstaktik der Araber nahmen. Heute gibt sich Barak geläutert; sein Wahlslogan: „Unsympathisch, kein Kumpel, doch ein Führer“ zeigt indessen, dass der Chef der Sozialdemokraten noch einiges zu lernen hat.

Die Linksintellektuellen sollten ihrem Anspruch gerecht werden. Es genügt nicht, für den Frieden zu sein – das sind im Prinzip alle. Entscheidend ist vielmehr, der Öffentlichkeit und den Politikern praktikable Konfliktlösungsmodelle zu präsentieren. Dem hat eine politische Bestandsaufnahme vorauszugehen. Sie lehrt, dass alle isolierten Versuche, den israelisch-palästinensischen Zwist zu überwinden, zum Scheitern verurteilt sind. Die Palästinenser sind uneinig, sie werden überdies von arabischen und externen islamistischen Kräften beeinflusst. Ein realistischer Lösungsansatz sollte daher diese Kräfte der Region einbinden und mit ihnen verhandeln – was Jerusalems Politiker auf allen Ebenen tun. Die neue US-Administration wird mit Iran sprechen. Und Israel sollte sich nicht ins Abseits stellen.

Rafael Seligmann, 61, ist Schriftsteller,

Historiker und

Chefredakteur der

Monatszeitung „The

Atlantic Times“. 1957 wanderten seine

Eltern von Israel nach Deutschland aus.

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