Nahost-Konflikt : Logik der Vergeltung

Israels Rechte war Geburtshelfer der Hamas. Doch wer über die Ursachen des Konflikts spricht, gilt schnell als Verräter.

Moshe Zimmermann

Logisch: Im zweigeteilten Palästina – Westbank und Gazastreifen – gibt es zwei verschiedene Verhaltensweisen gegenüber Israel. Von dem Teil Palästinas aus, das weiterhin von Israel besetzt wird und in dem sich jüdische Siedlungen befinden, werden Raketen auf das israelische Kernland abgefeuert. Im anderen Teil des palästinensischen Autonomiegebiets – ohne Besatzungsmacht und ohne jüdische Siedler – bemüht man sich um Verhandlungen mit der israelischen Regierung.

Logisch, aber falsch: Während die politische Führung der Palästinenser in Ramallah unter Präsident Mahmud Abbas – also in der Westbank mit den jüdischen Siedlungen – mit Israels Ministerpräsident Olmert über den Frieden verhandelt, praktiziert die Führung der Palästinenser in Gaza – wo es seit dem Rückzug der Israelis vor drei Jahren nur noch Trümmer von Siedlungen gibt – eine Politik des Terrors gegen israelische Zivilisten: mit Mörsergranaten und primitiven Raketen.

Es ist diese verkehrte Logik, die die israelische Linke in Bedrängnis bringt. Vier Jahrzehnte lang behauptete sie, dass die Besatzung und die Siedlungspolitik den Friedensprozess blockieren. Nun hat sich scheinbar das Gegenteil erwiesen – die Leidtragenden sind Zivilisten im sozial schwachen Süden des Landes. Da ist es kaum verwunderlich, dass selbst linke Israelis den Befreiungsschlag gegen die Palästinenser gutheißen. Viele unterstützen sogar Positionen der israelischen Rechten und erklären die Intellektuellen aus dem linken Lager zur Lachnummer, ähnlich wie Rafael Seligmann es im gestrigen Tagesspiegel mit Amos Oz und David Grossman getan hat, indem er sie als wirklichkeitsfremd kritisierte.

Links neigt man, anders als auf dem rechten Flügel, in Anbetracht der irrationalen Wirklichkeit zur Skepsis. Auch linke Israelis wissen, dass der von Raketen terrorisierten Zivilbevölkerung der Schutz des Staates zusteht und deshalb im Prinzip nichts gegen militärisches Vorgehen spricht. Nur haben die Linken ihre Zweifel am Gelingen der Operation, sie suchen nach Alternativen, fragen nach dem Preis und schließen Menschenrechte, Humanität und Grundsätze des internationalen Rechts nicht als Schöngeisterei aus ihren Erwägungen aus. Das führt – wie im Falle Grossmans – auch zu Appellen, dem gegenseitigen Gemetzel einen schnellstmögliches Ende zu setzen. Viele Linke bezweifeln außerdem die Logik der israelischen Rechten – je grausamer die Abschreckung, desto wahrscheinlicher die Beendigung des Konflikts –,weil auch diese Logik wirklichkeitsfremd ist. Denn oft tritt ja, siehe Gaza und Westbank, die gegen teilige Wirkung ein.

Um diesen Wirkungszusammenhang zu erklären, ist Ursachenforschung nötig. Eine Ursachenforschung, die weiter zurückgeht als bis zu den Kassam-Raketen im Süden Israels oder zum Rückzug aus Gaza und die deterministische Parolen wie „Araber sind von Natur aus Terroristen“ nicht akzeptiert.

In Gaza wurde die logische Abfolge – erst Rückzug, dann Frieden – von der Hamas auf den Kopf gestellt, also von den muslimischen Fundamentalisten, die Israel nicht anerkennen und nicht davor zurückscheuen, die eigene Bevölkerung im Kampf gegen die Zionisten als Märtyrer zu opfern. Diese islamisch-fundamentalistische Regierung wäre jedoch nicht an die Macht gekommen, wenn Israel in seiner Zeit als Besatzungsmacht die Hamas nicht gegen die PLO ausgespielt hätte. Die israelische Politik hat auf diese Weise entscheidend zur Diskreditierung der PLO-Führung in der palästinensischen Bevölkerung beigetragen.

Es ist nicht das einzige Beispiel. Immer wieder stößt der Ursachenforscher auf Beiträge der israelischen Politik zum schrittweisen Scheitern des Oslo-Friedensprozesses seit 1995. Nach der Ermordung Rabins waren nicht nur die Extremisten unter den Palästinensern, sondern auch die israelischen Regierungen eher darum bemüht, diesen Prozess aufzuhalten, ja, zum Erliegen zu bringen, als ihn voranzutreiben.

Wer heute von der Linken mehr Realitätssinn fordert, unterschlägt, dass die Wirklichkeit ja von denen mitgestaltet wurde, die nicht auf die Warnungen der Linken hören wollten und selbst den Weg in die Sackgasse geebnet haben. Israelis fungierten als Geburtshelfer der Hamas. Die israelische Politik nach Oslo schwächte nicht die radikalen Kräfte unter den Palästinensern, sondern stärkte sie, und die Siedlungspolitik, oder besser: die Siedlungsideologie garantierte die Fortsetzung des Konflikts auch in der Westbank. Mit einer anderen Politik hätten die Raketen aus Gaza vielleicht vermieden werden können. Stattdessen haben sich die israelischen Regierungen und die Hamas-Extremisten gegenseitig hochgeschaukelt; das Ergebnis ist der Raketenbeschuss aus Gaza. So komplex ist das, was die Kritiker aus dem rechten Flügel Wirklichkeit nennen.

Wer hätte nicht Angst um die unter Beschuss geratenen Zivilisten? Die Links intellektuellen werden zur Geisel der israelischen Vergeltungspolitik: Sie sorgen sich wie alle anderen, werden aber als Verräter oder zumindest als weltfremd gebrandmarkt, wenn sie auf den irrtümlichen Weg in die Misere hinweisen. Sie sind die Geiseln der Wirklichkeit, vor der sie gewarnt haben, Geiseln der von anderen geschaffenen, vollendeten Tatsachen – und ausgerechnet sie werden als wirklichkeitsfremd beschuldigt. Sich aus diesem Dilemma zu lösen, ist äußerst schwierig.

Wer sich gerade im freien Fall befindet, lässt sich von den Vorzügen des Fliegens kaum überzeugen. Eine Bevölkerung, die sich – zwischen Libanon, Iran und Gaza – im Belagerungszustand wähnt, ist in dieser Zwangslage immun gegenüber der abweichenden anderen Meinung.

Der Historiker Moshe Zimmermann lehrt an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

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