Kultur : Nahost-Krise: Der alte Mann und die Araber

Birgit Cerha

Die blutigen Ereignisse von Ramallah heizen die Stimmung in der Region mit einem Schlag dramatisch auf. Arabische Regime geraten unter starken Druck aus der Bevölkerung, die in ihrer großen Mehrheit voll mit den Palästinensern sympathisiert. Der Mord an israelischen Soldaten stößt selbst bei jenen, die derartig brutale Gewaltakte verabscheuen, auf gewisses Verständnis. Dass die zunehmend kriegerische Stimmung in der Region aber tatsächlich die arabischen Herrscher zu militärischer Aktion gegen Israel einen könnte, ist vorerst höchst unwahrscheinlich. Nach einer alten nahöstlichen Weisheit ist ein Krieg zwischen Arabern und Israelis ohne Syrien nicht möglich.

Damaskus fand zwar mit den Israelis keine Friedenseinigung, die ihm die von Israel besetzten Golanhöhen zurückerstatten würde. Doch auch wenn die Hoffnung darauf nun in weite Ferne rückte, wissen Syrer wie Ägypter oder Jordanier, dass sie in einem erneuten Krieg gegen Israel nur zu verlieren hätten. Deshalb erscheint es höchst unwahrscheinlich, dass Damaskus oder Amman ihre Grenzen militanten Exilpalästinensern zu Aktionen gegen Israel öffnen. Andere Staaten, die einst entscheidend arabisch-israelische Kriege mitgeführt hatten, wie vor allem der Irak, sind heute selbst zu schwach und allzusehr in ihre eigenen Probleme verstrickt. Sie mögen freiliche Terrorgruppen zu Aktionen ermuntern, wie sie sich Donnerstag vor der Küste des Jemen gegen ein US-Kriegsschiff ereignete. Kein Zufall, dass Jemens Präsident Saleh vor wenigen Tagen zum Krieg gegen Israel aufrief.

Nun guckt einmal mehr alle Welt auf Palästinsenserchef Jassir Arafat. Seinen politischen Nachruf haben schon viele geschrieben. "Bye, bye PLO", rief der Nationale Sicherheitsberater der USA, Zbigniew Brzezinski in eindrucksvoller Fehleinschätzung vor fast 25 Jahren. Doch Arafat hat noch jede politische Krise überlebt. Bisher. Wenige militärische und politische Führer erlitten solch schwere, solch demütigenden Niederlagen, fanden sich in solch verzweifelten, solch scheinbar ausweglosen Situationen wie Jassir Arafat, einst Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO und heute Präsident der Palästinensischen Selbstverwaltungsbehörde in Gaza und West-Jordanien. Dass er mehr als drei Jahrzehnte größter Turbulenzen und Katastrophen überlebte und immer noch von Millionnen von Palästinensern in der Heimat, wie in der Diaspora als ihr Führer anerkannt ist, verdankt er dem mühselig erkämpften Status als "nationales Symbol". Selbst jetzt, in kritischster Stunde, zeichnet sich weder für die aufgewühlten Palästinenser, ja auch nicht für Israel und die USA eine Alternative zu diesem stoppelbärtigen, alternden Guerillachef ab.

Nun haben die Israelis Arafat noch eine kurze Gnadenfrist gesetzt, um sein Volk zur Ruhe zu bringen. Doch das Volk will anscheinend keine Ruhe geben. Vor allem nach den Ereignissen in Ramallah ist es keineswegs sicher, dass Arafat sie wieder besänftigen kann. Er ist alt geworden. Eine unendliche Müdigkeit und eine schwere Krankheit prägen die Gesichtszüge des 71-Jährigen. Und auch wenn er es über die Jahre verstand, mögliche Alternativen zu seiner Führung rechtzeitig auszuschalten, so ist er heute weniger beliebt und heftig umstritten.

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