Kultur : Namenlose Freude

F. H.

Zwanzig Minuten lässt Joschka Fischer die rund 1000 Gäste warten, die am Mittwochmittag in die Philharmonie geströmt sind, um die "Rückführung des Musikarchivs der Sing-Akademie zu Berlin durch die Ukraine" zu feiern. Doch was sind zwanzig Minuten im Gegensatz zu den 54 Jahren, die der Notenbestand des traditionsreichen Chores als verschollen galt! Vor drei Jahren entdeckte Christoph Wolff die Sammlung in Kiew, wohin sie am Ende des Zweiten Weltkriegs gelangt war: Über eine Million Seiten, dank der Pflege ukrainischer Bibliothekare in allerbestem Zustand. Bundeskanzler Gerhard Schröder höchstselbst setze sich für die Rückkehr des Archivs nach Berlin ein. Die Zustimmung des Parlaments in Kiew bezeichnete der ukrainische Botschafter Anatoli Ponomarenko gestern als einen bewussten Schritt in Richtung eines geeinten großen Europa, zu der auch die Ukraine gerne gehören möchte.

Zum Dank erhielt die einstige Sowjetrepublik 33 Kompositionen slawischer Provenienz aus dem Archivbestand, und - auf Initiative Fischers - deutsche Gelder für die Restaurierung im Krieg zerstörter ukrainischer Kulturgüter. Die Lufthansa Cargo schließlich sponserte den Rücktransport der unschätzbar wertvollen Manuskripte und Dokumente, die seit Dezember 2001 nun den Forschern in der Berliner Staatsbibliothek zur Verfügung stehen. Bei der Feierstunde in der Philharmonie sprach neben Fischer auch Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. Warum die musikalische Umrahmung nicht von der Sing-Akademie selber übernommen wurde, erklärte Philharmoniker-Intendant Franz Xaver Ohnesorg: In seinen Glanzzeiten konnte sich der 1791 gegründete Chor ein eigenes Orchester leisten, aus dem 1882 die Berliner Philharmoniker enstanden. So statteten Solo-Flötist Andreas Blau und seine philharmonischen Kollegen unter Thomas Timms Leitung der Sing-Akademie mit Konzerten von Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel Bach gewissermaßen späten Dank ab. In der Saison 2003/04 starten die Philharmoniker dann eine eigene Konzertreihe mit Werken aus dem Archivbestand.

Kein Senatsgeld mehr für Sing-Akademie zu Berlin

Hinter der guten Nachricht für zwei der vier institutionell geförderten Berliner Amateurchöre (Tagesspiegel vom 14. Mai) verbarg sich eine schlechte Neugkeit. Zwar werden der Philharmonische Chor, der Berliner Konzertchor und die beiden Singakademien in diesem Jahr institutionell gefördert. Wie die Pressestelle der Senatsverwaltung für Kultur jetzt präzisierte, gilt dies im Fall des Berliner Konzertchors und der Sing-Akademie zu Berlin allerdings lediglich bis zum 30. Juni 2002. Danach erhält der Berliner Konzertchor nur noch Basisförderung, also die niedrigere zweite Förderstufe, die der Finanzierung der Infrastruktur dient. Für die Singakademie zu Berlin wird die Förderung Ende Juni komplett eingestellt. Tsp

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben