Kultur : Napoleon in Oberschöneweide

Zorniges Meisterwerk: „It’s Never Been Like That“, das neue Album der Pariser Band Phoenix

Christian Schröder

Über Berlin-Oberschöneweide wölbt sich ein azurblauer Himmel. Ausflügler spazieren an der Spree entlang, die Vögel singen. „Long Distance Call“ heißt der Song, der das Frühsommeridyll in Worte fasst. Eine E-Gitarre dengelt, nervös schnarrt ein Becken, der Sänger jubelt: „It’s never been like that.“ So schön war es ja auch wirklich noch nicht, zumindest nicht in diesem Jahr. „Long Distance Call“, die erste Single der französischen Band Phoenix aus ihrem neuen Album „It’s Never Been Like That“, ist ein Stück Pop in seiner großartigsten Form: vier Minuten reine Euphorie.

Der Weg zu Phoenix führt durch endlose Flure, vorbei an leeren Regalwänden mit rätselhaften Inschriften: 3 ME – STME, ZMT – 3 M. Neonröhren surren, es riecht nach DDR. Aus dem Funkhaus Nalepastraße ist bis 1989 das Radio-Programm des Arbeiter- und Bauernstaates verbreitet worden. Die wuchtigen Backsteinbauten, in den Fünfzigerjahren im Geist der Bauhaus-Moderne errichtet, verkörpern den Optimismus der DDR-Gründerjahre. Bei der Ausstattung wurde nicht gegeizt. Im größten Sendesaal ist Platz für komplette Orchester, in den Foyers sind die neoklassizistischen Säulen, wie in einem Palast, mit Stuck-Lorbeeren bekränzt. 1991 wurde der Sendebetrieb eingestellt, große Teile des denkmalgeschützten Ensembles stehen seither leer.

Thomas Mars und Christian Mazzalei, der Sänger und der Gitarrist von Phoenix, sitzen in einem Büro im Obergeschoss des Gebäudekomplexes. Durch die riesigen Fenster geht der Blick auf die träge vorbeifließende Spree. Aus dem Laptop der beiden Musiker dringt Pop in Zimmerlautstärke: Van Morrison, Aphex Twin, Bob Dylan. Im letzten Sommer, sie hatten gerade eine anstrengende Welttour hinter sich, waren Phoenix für zwei Monate aus Paris nach Berlin gekommen, um ihr drittes Album aufzunehmen. „Wir waren auf der Suche nach einem Studio, das keinen Showbusiness-Background hat“, sagt Mazzalei. Mars präzisiert: „Keine Goldenen Schallplatten an der Wand!“

Phoenix sind, ähnlich wie die ebenfalls aus Paris stammenden Air, begnadete Eklektiker. Aus den Versatzstücken von Siebzigerjahre-Gitarrenrock und Achtzigerjahre-Indiepop, aus dem, was Orange Juice, Prefab Sprout und die Stooges hinterlassen haben, zimmern sie Songs zusammen, die meist ungemein melodiös und überraschend zeitgenössisch klingen. Gesungen wird dazu auf Englisch, schon deshalb, um dem französischen Quoten-Patriotismus die schlichte Schönheit solcher Songtitel wie „One Time To Many“, „Consolation Prizes“ oder, eine Anspielung auf Velvet Underground, „Napoleon Says“ entgegenzusetzen.

„It’s Never Been Like That“, nur 37 Minuten lang, gehört schon jetzt zu den herausragenden Pop-Platten des Jahres. Angefangen haben Phoenix vor 15 Jahren als Garagenband, der Kern des Quartetts kennt sich seit der gemeinsam in Versailles verbrachten Schulzeit. Den Durchbruch schaffte die Gruppe 2004 mit dem Album „Alphabetical“, der Hit „Everything Is Everything“ lief weltweit im Radio. Ihre kunstvoll zur Schau gestellte Melancholie, das pusselig Verspielte haben Phoenix weitgehend hinter sich gelassen. „It’s Never Been Like That“ ist druckvoller, ungestümer und härter, kurzum: zorniger geworden.

„Wir wollten eine Platte machen, die simpel und geradlinig ist, in klassischer Rockbesetzung: zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug“, sagt Thomas Mars. Ein puristisches Konzept, die Platte steht von der ersten Sekunde an unter Hochspannung. Stücke wie „Rally“ oder „Second To None“ beginnen mit einem verschnörkelten Gitarrenintro, wechseln dann aber einen Break später auf die rhythmische Überholspur, „Sometimes In A Fall“ setzt gleich mit einem donnernden Schlagzeug-Miniatursolo ein. Das merkwürdigste Stück heißt „North“, ein sphärisch und sanft vor sich hinfließendes Instrumental, in das eine dramatisch aufheulende Akustikgitarre und das metallische Klingeln eines Mobiltelefons eingearbeitet ist. Das Telefon läutete tatsächlich bei der Aufnahme, die Band schnitt es nicht heraus, weil sie – so Mazzalei – „das Unperfekte liebt“. „North“ muss man als Referenz an den Krautrock von Gruppen wie Neu! und Harmonia verstehen, die von Phoenix heftig verehrt werden.

Was Mars und Mazzalei – ihre Mütter kommen übrigens aus Deutschland – am Krautrock besonders lieben: „die Monotonie des Rhythmus, das Autobahn-Feeling“ (Mars), „die Idee, dass Menschen wie Maschinen spielen“ (Mazzalei). Auf „Alphabetical“ wurde die Hälfte der Stücke von einer Drum-Machine begleitet, auf „It’s Never Been Like That“ trommelt Drummer Lawrence Clais so präzise wie ein Computer: eine „biologische Maschine“ (Mazzalei).

Entstanden ist die Platte im Planet Roc-Studio, einer kostbar holzvertäfelten, labyrinthisch verschachtelten Zimmerflucht im ehemaligen Funkhaus, in der auch schon Sting, die Black Eyed Peas und die Liars gearbeitet haben. Zu DDR-Zeiten entstanden dort Hörspiele. Der Lieblingsort der Band: ein winziger, dafür aber absolut schalltoter Raum, in dem man nichts mehr hört außer dem eigenen Atem. Mit „It’s Never Been Like That“ versuchen Phoenix einen Neuanfang. Oberschöneweide ist der beste Platz, den sie sich dafür aussuchen konnten.

„It’s Never Been Like That“ (Labels/Emi) von Phoenix erscheint am Freitag

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